Europa: Marktentwicklung und Marktsegmente

Der Europäische Markt für nachhaltige und verantwortliche Investments hat sich von Anfang 2008 bis 2012 von 2,7 auf 6,8 Billionen Euro fast verdreifacht, so der Europäische Branchenverband Eurosif in einer Marktstudie vom Herbst 2012. Den Markt dominieren zu 92 Prozent institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Stiftungen, kirchliche Einrichtungen und Versicherungen. Damit ist SRI keine Nische mehr, sondern im Mainstream angekommen, wenngleich regional erhebliche Unterschiede bestehen. Auch auf anderen Kontinenten lässt sich das beobachten.

Nachhaltige Publikumsfonds erreichten in Europa 2012 mit 95 Milliarden Euro gar einen neuen Rekordstand, resümierte die Ratingagentur Vigeo im Dezember 2012 in einer Studie. Die Marktanteile erreichten teils mittlere zweistellige Werte.

Unterdessen steigen Volumen und Anzahl nachhaltiger Publikumsfonds in Europa weiter an, wie die französische Nachhaltigkeits-Ratingagentur Vigeo in ihrer jährlichen Marktstudie „Green, Social and Ethical Funds in Europe“ Ende November 2013 berichtete: Das Volumen erreichte Rekordhöhe, es lag Ende Juni 2013 mit 108 Milliarden Euro 14 Prozent über dem Vorjahr (95 Milliarden Euro), die Zahl der SRI-Fonds erhöhte sich auf 922. Die Niederlande waren der am dynamischsten wachsende Markt (+106 Prozent), gefolgt von Großbritannien (+30 Prozent), Schweden (+28 Prozent) und der Schweiz (+18 Prozent). Frankreich bleibt der größte Markt für Publikumsfonds. Die Marktanteile erreichten teils mittlere zweistellige Werte.

Andere Studien kommt gar zu einer viel höheren Relevanz: Das Volumen von 1775 nachhaltigen Investmentfonds in Europa stieg von 2010 bis Ende 2012 um 19 Prozent von 200 Milliarden auf 239 Milliarden Euro. Das ergab im Mai 2013 der „European Responsible Investing Fund Survey” des Verbandes der luxemburgischen Fondsindustrie ALFI. Der Anteil nachhaltiger Fonds nahm demnach leicht auf 1,6 am Gesamtvermögen der europäischen Fonds zu. Der Verband stellt auch Forderungen: „Die Verbände der Investmentindustrie müssen stärker zusammenarbeiten, um die Harmonisierung unterschiedlicher nationaler Transparenzinitiativen zu fördern und damit Verwirrung bei Anlegern sowie doppelte Arbeit für Asset Manager zu vermeiden.“ Und Organisationen für nachhaltiges Investieren sollten die Verifizierung von Informationen und Daten vorantreiben, um verzerrende Selbstdarstellungen und subjektive Informationen zu verhindern. Der Verband selbst will Mindeststandards für nachhaltige Fonds formulieren und diese mit einem Gütesiegel versehen.

Auch wenn es aufgrund verschiedner Erhebungsmethoden und Definitionen unterschiedlich Zahlen gibt, lässt sich eines feststellen: Die rasanten Zuwächse nachhaltiger Geld- und Kapitalanlagen seit 2008 geschahen trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 - oder gerade wegen ihr, wie Experten sagen. Da Verantwortungslosigkeit die Krise verursachte, haben viele Anleger ihr Kapital umgeschichtet oder die Kriterien für die Titelauswahl ergänzt. Die Finanzkrise habe vielen bewusst gemacht, wie wichtig es sei, ESG-Kriterien bei Investmententscheidungen zu berücksichtigen, erklärten auch von Eurosif befragte Vermögensverwalter in 19 europäischen Staaten in einer Umfrage von 2010.

Eurosif schätzte Ende 2010, dass der gesamte SRI-Anteil am europäischen Kapitalmarkt 30 Prozent ausmacht. Der Kernbereich dürfte zehn Prozent ausmachen. Doch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, denn die Konzepte sind derart unterschiedlich, dass Experten kritisieren, man könne die jeweiligen Volumina nicht einfach addieren. Darum hat sich Eurosif 2012 von der zuvor üblichen Einteilung in Kernmarkt (Core SRI) und breiten Markt (Broad SRI) (siehe unten) verabschiedet. Da es zurzeit in Europa keinen Konsens über eine einheitliche Definition zu Kriterien, Tiefe und Qualität nachhaltiger und verantwortlicher Investments gibt, legt Eurosif die Marktentwicklung inzwischen vorrangig nach Investmentstrategien dar und erläutert Länderentwicklungen. Der Verband reagierte damit auf die heftige Kritik und positioniert sich anders als in den Vorjahren nicht mit einem aggregierten Gesamtvolumen von 6,8 Billionen Euro. Es taucht gleichwohl in einer Tabelle auf Seite 63 des Berichts auf.

Unter dem Oberbegriff gesellschaftlich verantwortliche oder nachhaltige Investments (Socially Responsible Investments, SRI) gibt es sehr unterschiedliche Konzepte, die das Leitbild der Nachhaltigkeit oder das Verständnis von Verantwortung (Verantwortung von Anlegern) in sehr verschiedener und unterschiedlich strenger Weise interpretieren oder anwenden. Folglich ist der Markt sehr heterogen und in Segmente aufzugliedern, wobei die Branche und Fachleute unvermindert intensiv über die Abgrenzung der Anlagekonzepte diskutieren.

In Europa sind sämtliche verantwortliche Investmentstrategien zwischen 2009 und 2011 mit zumeist plus 35 Prozent stärker gewachsen als der gesamte Markt. Das Volumen von drei Anlagestrategien hat sich in Europa gar mehr als verdoppelt: Ethische Ausschlüsse gelten nun für geschätzt 2,3 Billionen Euro, das ist ein Zuwachs von 137 Prozent. Der Ausschluss von Branchen, Unternehmen oder Geschäftspraktiken sowie die Anwendung von Best-in-Class-Strategien stiegen um 119 respektive 113 Prozent.

Eurosif differenzierte bis 2011 zwischen „Kern-SRI“, das überwiegend strenge Konzepte enthält, und „breites SRI“, das weniger strenge Konzepte von großen, überwiegend konventionellen Investoren umfasst. Kern-SRI beinhaltete demnach nachhaltige Anlagekonzepte mit mehreren ethischen, auf internationalen Normen basierenden Ausschlusskriterien, mit umfassenden Positivkriterien (Best-in-class-Konzept), auf nachhaltige Themen spezialisierte Anlagen sowie Kombinationen dessen.

„Breites SRI“ war hingegen ist nicht mit nachhaltigen Geldanlagen zu verwechseln, sondern fiel unter verantwortliche Investments. Hier haben sich inzwischen – zumindest aus Sicht von Eurosif und anderer Branchenverbände – Änderungen ergeben. Am wenigsten streng ist der Ausschluss nur einer Branche (z.B. Waffenherstellung) – für das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) sind das keine nachhaltigen Geldanlagen. Eine weitere Strategie, die unter breites SRI fiel, sind die direkten Dialoge von Großanlegern (Engagment), die Unternehmen mit kritischen Geschäftsaktivitäten im Gespräch zu verantwortlicheren Wirtschaftsweisen drängen. Der Fokus liegt aber meist auf guter Unternehmensführung (Corporate Governance), Umwelt- und Sozialaspekte werden oft nicht oder erst nach und nach aufgegriffen – weswegen einige Experten diesen Ansatz noch nicht als nachhaltig bezeichnen, sondern als verantwortliches Investment. Gleichwohl kategorisiert das FNG diese Strategie inzwischen unter nachhaltigen Anlagen. Entsprechendes gilt auch für die dritte Strategie von institutionellen Investoren: Sie betreiben ESG-Integration, das heißt immer mehr Investoren integrieren einzelne, finanziell bedeutsame Nachhaltigkeitskriterien aus den Bereichen Umwelt, Soziales oder Governance (ESG) in Aktienanalyse und Portfoliomanagement. Die Bedeutung dieses Ansatzes wächst global – doch die Investoren sehen sich selbst nicht als nachhaltige, sondern als verantwortliche Anleger und treten vielfach den UN Prinzipien für verantwortliches Investieren bei.

Ausblick

Aufgrund dieser Entwicklungen haben manche Akteure den Oberbegriff SRI inzwischen im Englischen inhaltlich erweitert auf „Sustainable and Responsible Investment“, also „nachhaltiges und verantwortliches Investieren“.

Andere Experten halten das für nicht angemessen, da die Philosophien verantwortlichen Investments einerseits und nachhaltigen Investments andererseits derart unterschiedlich sind, dass sie nicht „in einen Topf geworfen werden sollten“. Zudem entwickelt sich der Markt so dynamisch, dass ständig neue Investmentansätze hinzu kommen und manche Investoren und Vermögensverwalter sowohl nachhaltige als auch verantwortliche Konzepte zugleich anwenden. Das erschwert Zweiteilungen und Kategorisierungen.
Die neue Erhebungsmethodik von Eurosif für den Marktbericht vom Herbst 2012 ist darum als Zwischenschritt zu sehen, um die Entwicklungen besser abzubilden.


Interne Links

Schlagworte

Markt

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:17

Diesen Artikel: