Marktentwicklung und Marktsegmente
Der Europäische Markt für nachhaltige und verantwortliche Investments hat sich von Anfang 2008 bis Ende 2009 von 2,7 auf fünf Billionen Euro fast verdoppelt, so der Europäische Branchenverband Eurosif. Den Markt dominieren zu 92 Prozent institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Stiftungen, kirchliche Einrichtungen und Versicherungen. Damit ist SRI keine Nische mehr, sondern im Mainstream angekommen, wenngleich regional erhebliche Unterschiede bestehen. Auch auf anderen Kontinenten lässt sich das beobachten. Eurosif schätzt das weltweite Volumen auf mehr als 7 Billionen Dollar.
Der rasante Zuwachs geschah trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 - oder gerade wegen ihr, wie Experten sagen. Da Verantwortungslosigkeit die Krise verursachte, haben viele Anleger ihr Kapital umgeschichtet oder die Kriterien für die Titelauswahl ergänzt. Die Finanzkrise habe vielen bewusst gemacht, wie wichtig es sei, ESG-Kriterien bei Investmententscheidungen zu berücksichtigen, erklärten auch die von Eurosif befragten Vermögensverwalter in 19 europäischen Staaten. Eurosif schätzte Ende 2010, dass der gesamte SRI-Anteil am europäischen Kapitalmarkt 30 Prozent ausmacht. Der Kernbereich dürfte zehn Prozent ausmachen.
Doch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, denn die Konzepte sind derart unterschiedlich, dass Experten kritisieren, man könne die jeweiligen Volumina nicht einfach addieren.
Unter dem Oberbegriff gesellschaftlich verantwortliche oder nachhaltige Investments (Socially Responsible Investments, SRI) gibt es sehr unterschiedliche Konzepte, die das Leitbild der Nachhaltigkeit oder das Verständnis von Verantwortung (Verantwortung von Anlegern) in sehr verschiedener und unterschiedlich strenger Weise interpretieren oder anwenden. Folglich ist der Markt sehr heterogen und in Segmente aufzugliedern, wobei die Branche und Fachleute unvermindert intensiv über die Abgrenzung der Anlagekonzepte diskutieren.
Der europäische Branchenverband für nachhaltiges Investment Beispieltext Eurosif differenziert zwischen„Kern-SRI“, das überwiegend strenge Konzepte enthält, und „breites SRI“, das weniger strenge Konzepte von großen, überwiegend konventionellen Investoren umfasst. Kern-SRI beinhaltet nachhaltige Anlagekonzepte mit mehreren ethischen, auf internationalen Normen basierenden Ausschlusskriterien, mit umfassenden Positivkriterien (Best-in-class-Konzept), auf nachhaltige Themen spezialisierte Anlagen sowie Kombinationen dessen. „Breites SRI“ hingegen ist nicht mit nachhaltigen Geldanlagen zu verwechseln, sondern fällt unter verantwortliche Investments. Am wenigsten streng ist der Ausschluss nur einer Branche (z.B. Waffenherstellung). Zweitens versuchen Großanleger zunehmend, Unternehmen mit kritischen Geschäftsaktivitäten in direktem Dialog (Engagment) zu verantwortlicheren Wirtschaftsweisen zu drängen. Der Fokus liegt aber meist auf guter Unternehmensführung (Corporate Governance), Umwelt- und Sozialaspekte werden oft nicht oder erst nach und nach aufgegriffen. Drittens integrieren immer mehr Investoren einzelne, finanziell bedeutsame Nachhaltigkeitskriterien aus den Bereichen Umwelt, Soziales oder Governance (ESG) in Aktienanalyse und Portfoliomanagement. Die Bedeutung dieses Ansatzes wächst global.
Von den fünf Billionen Euro an SRI, die Eurosif Ende 2010 ermittelte, entfielen 1,2 Billionen Euro auf nachhaltige Geldanlagen im engeren Sinne und 3,8 Billionen Euro auf nachhaltige Geldanlagen im weiteren Sinne. Der Kernbereich dürfte zehn Prozent des gesamten Europäischen Kapitalmarktes ausmachen, so der Branchenverband. Das europäische Volumenwachstum von stolzen 87 Prozent von Anfang 2008 bis Ende 2009 fand im Kernbereich als auch im „breiten“ SRI-Bereich statt, wobei die Studie über diese Jahr mehr Länder abdeckt als in den Vorjahren. In den Kernbereich waren vor allem Großbritannien, Frankreich und die Niederlande investiert. Die breiten Konzepte wurden bei 3,8 Billionen Euro angewendet. Die starken regionalen Unterschiede bei der Anwendung der verschiedenen Konzept erklärt sich aus verschiedenen kulturellen, gesetzlichen, öko-sozialen und politischen Rahmenbedingungen.
Ausblick
Aufgrund dieser bisher von Eurosif und anderen gemachten Zweiteilung in enges und weites SRI haben manche Akteure den Oberbegriff SRI inzwischen im Englischen inhaltlich erweitert auf „Sustainable and Responsible Investment“, also „nachhaltiges und verantwortliches Investieren“.
Andere Experten halten das für nicht angemessen, da die Philosophien verantwortlichen Investments einerseits und nachhaltigen Investments andererseits derart unterschiedlich sind, dass sie nicht „in einen Topf geworfen werden sollten“. Zudem entwickelt sich der Markt so dynamisch, dass ständig neue Investmentansätze hinzu kommen, weswegen sowohl die Zweiteilung als auch die Zusammenfassung unter einen Oberbegriff von manchen Fachleuten kritisiert werden.
Eurosif arbeitet darum an einer neuen Erhebungsmethodik und Kategorisierung, um die Entwicklungen besser abzubilden. Die Methodik soll im Februar 2012 fertig sein und bei der dann folgenden Erhebung angewendet werden. Der nächste Marktbericht für Europa wird voraussichtlich im Herbst 2012 veröffentlicht.
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