Artikel
Kritische Beleuchtung der Drei-Säulen-Konzepte
Auch wenn Nachhaltigkeit inzwischen integrativ verstanden wird, kritisieren Wissenschaftler zunehmend das Drei-Säulen-Modell und das Triple-Bottom-Line-Konzept. Sie entsprächen nicht den tatsächlichen Zusammenhängen in der Welt. „Dass die Wirtschaft als der Teil der Gesellschaft die gleiche Priorität haben soll, wie die Gesellschaft und die Natur ist logisch nicht nachvollziehbar“, sagte Prof. Bernd Siebenhüner von der Universität Oldenburg dem Handelsblatt. „Ohne eine intakte Umwelt ist weder Wirtschaft noch soziale Gerechtigkeit möglich. Darum bedeutet Nachhaltigkeit vor allem Umweltschutz“, betonte auch Prof. Donald Huisingh von der Universität Tennessee gegenüber dieser Zeitung. Sehr deutlich mache das die globale Erderwärmung, einer ökologischen Entwicklung, die verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen haben werde und regional bereits habe, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern. Darum plädieren einige Wissenschaftler für das ökologisch orientierte Pyramiden-Konzept bzw. das Ein-Säulen-Konzept. Ebenso exisitert ein gewichtetes Drei-Säulen-Modell mit Ökologie (bzw natürliche Ressourcen/Klima) als Fundament der drei Säulen Ökonomie, Kultur und Soziales.
Andere Kritiker weisen auf weitere Grenzen des Konzepts der Triple Bottom Line hin: Zwar hätten viele Unternehmen auf die Forderung reagiert, von der reinen Profitorientierung Abstand zu nehmen, und versuchen Umweltbelastungen und soziale Missstände zu verringern. Was sie konkret tun, beschreiben sie oft in Nachhaltigkeitsberichten. Doch der Nutzen ökologischen oder gesellschaftlichen Engagements lässt sich meist nicht so genau berechnen wie die klassische Bottom Line, der Gewinn oder der Verlust. Was genau erreicht werde, bleibe oft unklar, so die Kritiker, zumal wenn konkrete Ziele mit messbaren Indikatoren fehlten. Zudem werde der ökonomische Effekt für das Unternehmen meist nicht deutlich gemacht.
Manche Wissenschaftler und Finanzexperten halten das Drei-Säulen-Modell überdies für zu breit angelegt, weil es mit mehr als 200 Einzelkriterien bewertet wird. Banken zum Beispiel sollten sich auf die sechs Kernherausforderungen des 21. Jahrhunderts konzentrieren, forderte der Wissenschaftler Axel Hesse 2007 in seiner Studie „Sustainable Development Management“. Diese Herausforderungen sind laut seiner Befragung von internationalen Finanzinstituten: Klimawandel, Süßwasserknappheit, Entwaldung & Wüstenbildung, Verlust der biologischen Vielfalt, absolute Armut in großen Teilen der Erde sowie das starke globale Bevölkerungswachstum. Die einzelnen Branchen müssten sich auf die von ihnen beeinflussbaren Herausforderungen konzentrieren, so der Autor. Das bedeute beispielhaft für Banken: Nur wenn sie sich auf Umweltschutz und die Bekämpfung absoluter Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern konzentrierten, könnten sie wirksam eine sozial und ökologisch verträgliche Entwicklung fördern und ihrer unternehmerischen Verantwortung gerecht werden.
Man mag das Drei-Säulen-Modell kritisch beurteilen, doch in der Praxis hat es einen großen Wert: Bei Unternehmen entfaltet es eine wesentlich größere Überzeugungskraft, wenn man die Wirtschaft als eigene Säule aufführt, als wenn sie „nur“ zu Umweltschutz oder Armutsbekämpfung aufgefordert würden. Die Vorstellung, zu sogenannten Win-Win-Win-Situationen zu kommen, bei denen Unternehmen, Umwelt und Gesellschaft von nachhaltigem Wirtschaften gleichermaßen profitieren, ist oft die erste Motivation für Unternehmen, sich mit diesen Themen zu befassen. Und sie ist der entscheidende Antrieb für Vorstände, Führungskräfte und Mitarbeiter, sich ernsthaft mit Nachhaltigkeitskonzepten auseinander zu setzen sowie im Unternehmen nach Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen und sie voran zu treiben. Dann erkennen sie auch, dass und wie nachhaltiges Wirtschaften in vielen Bereichen tatsächlich zugleich zu positiven Effekten sowohl in ökologischer, sozialer als auch ökonomischer Hinsicht beiträgt (Wirkungszusammenhänge), was vielfach zu einer Kettenreaktion in Richtung mehr Nachhaltigkeit führt. Eine vergleichbare Argumentation lässt sich auch für die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte anführen, deren Bedeutung das Ein-Säulen-Modell ebenfalls nicht gerecht wird (kritische Beleuchtung siehe dort; siehe auch Drei-Säulen-Modell).
Interne Links







