Spekulation & Nachhaltigkeit

Private und institutionelle Anleger wollen mit ihrem Vermögen möglichst Gewinn erzielen. Investieren sie in kurzfristige Anlagen, die lediglich auf gewinnbringende Ausnutzung der Preisunterschiede zu verschiedenen Zeitpunkten gerichtet ist, so spricht man von Spekulation. Man kann auf ein Steigen der Kurse oder durch sogenannte Termingeschäfte auf ein Fallen der Kurse spekulieren. Diese Anlagemethode steht im Gegensatz zu Daueranlagen.

Spekulation kann diametral verschiedene Wirkungen haben: Einerseits kann sie - indem sie die künftige Entwicklung vorweg nimmt - marktregulierend sowie preis- und risikoausgleichend wirken und die Handelbarkeit von Wertpapieren erhöhen. Damit kann sie eine volkswirtschaftlich nützliche Aufgabe erfüllen, so das Gabler Wirtschaftslexikon. „Andererseits kann die Spekulation Kursbewegungen induzieren, die zu tiefgreifenden Störungen des Kapitalmarkts führen und im Extremfall auslösendes Moment für Börsenkräche sein.“
Spekulation sei als kurzfristige Anlageweise per se nicht nachhaltig, sagen Kritiker.

Insbesondere die Spekulation mit Agrarerzeugnissen gerät zunehmend in die Kritik. Manche Kenner jedoch sagen, die hohen Preissteigerungen hingen nicht mit der Spekulation zusammen. Da die Lebensmittelerzeugung ein besonders sensibler Bereich ist, thematisiert dies Lexikon das Thema „Spekulation und Nachhaltigkeit“ anhand dieser Diskussion.

Das Geschäft mit dem Grundbedürfnis von Mensch und Tier gilt als Megatrend. Investitionen in Agrarerzeugnisse und Aktien von Agrarwirtschaftsfirmen sind gefragt, denn deren Aussichten scheinen blendend. Durch die rasant steigende Weltbevölkerung und immer höhere Lebensstandards in Schwellenländern wächst der Bedarf an landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Sollte die Erde 2025 tatsächlich acht Milliarden Menschen ernähren müssen, wie die Vereinten Nationen erwarten, werden Lebensmittel wohl knapp – und also steigen die Preise, nicht erst dann, sondern schon jetzt. Darum gelten Agrarinvestments als vergleichsweise sichere Anlage - gegessen wird schließlich immer und künftig noch mehr. Überdies kommt eine große Nachfrage zwecks Herstellung von Biotreibstoffen auf.

Auf der Angebotsseite ist zudem zu beobachten, dass die Ackerbauflächen infolge zunehmender Verstädterung schrumpfen und in der Landwirtschaft weltweit eine Überalterung herrscht. Bei der Welternährungsorganisation FAO heißt es darum, dass etwa die Nachfrage etwa bei Getreide schneller steigt, das Angebot jedoch sinkt. „Bei einem Langzeitinvestment lockt ein sicherer Gewinn“, zitiert die Financial Times Deutschland den FAO-Ökonomen Abdolreza Abbassian. All das verschärft den Wettbewerb - und beflügelt Kursphantasien.

Hinter der Unmenge an Kontrakten, die an Terminbörsen abgeschlossen werden und die Volumina der tatsächlich produzierten Güter oft um ein Vielfaches übersteigen, stecken Fachleuten zufolge vor allem Spekulanten: Nur selten handele es sich um Absicherungsgeschäfte für Landwirte und Agrarhändler, mit denen diese sich gegen Preisrisiken infolge von Unwettern und Ernteausfällen absichern. Spekulanten haben teilweise, wie Medien wiederholt berichteten, Lebensmittel gehortet, um das Angebot zu drücken und von Preissteigerungen zu profitieren.

Was für Investoren finanziell attraktiv ist, hat für die, die Grundbedürfnisse stillen müssen, verheerende Auswirkungen: Sie können sich teuren Reis, Mais, Soja oder Zucker nicht leisten. „Während Familien in Deutschland lediglich etwa zehn Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, müssen Familien in armen Ländern oft bis zu 80 Prozent aufbringen“, erklärt sagt Frank Braßel von der Hilfsorganisation Oxfam. Vor Konflikten, ja vor Kriegen um Grundnahrungsmittel warnen nicht nur Menschenrechtsgruppen und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner, 2011 gingen in Südostasien bereits Menschen wegen massiv gestiegener Reispreise auf die Straße. Spekulation kann folglich Bemühungen um eine nachhaltigere Entwicklung konterkarieren.

Dass die Preise agrarischer Güter während des ersten Halbjahres 2012 teils stark gefallen sind, ist kein Beleg für das Gegenteil. Anleger zogen sich laut Marktbeobachtern generell aus Rohstoffen zurück. Außerdem missfällt die Achterbahnfahrt der Agrarpreise ersten Finanzmarktakteuren, die eingriffen haben: So hat auf Druck der US-Aufsichtsbehörden die Chicago Mercantile Exchange (CME) – der weltweit führende Handelsplatz für Getreide – so genannte Positionslimits für Rohstoff-Terminkontrakte eingeführt, damit einzelne Marktteilnehmer Preise nicht manipulieren können.

Andere Experten jedoch sagen, nicht die Spekulation sei das Problem, sondern andere Faktoren. Große Ernteausfälle und infolgedessen politisch gedrosselte Exporte wirkten Preis steigernd. Zudem führe ein steigender Ölpreis zu einer höheren Nachfrage nach Ethanol und folglich nach Mais. Tatsächlich war Mais beispielsweise Mitte August 2012 an den Rohstoffbörsen aufgrund massiver Ernteausfälle in den USA und Dürren in anderen Regionen der Erde so teuer wie nie zuvor. Die Welternährungsorganisation FAO forderte darum einen Stopp der Biosprit-Produktion, wie 40 Prozent der US-Maisernete im Tank und nicht auf dem Tisch landen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Zudem entstehen Preisanstiege durch die Industrialisierung in Schwellenländern und sich dort verändernde Essgewohnheiten. Ein im Vergleich dazu geringen Einfluss haben neue Nutzungen landwirtschaftlicher Erzeugnisse: Pflanzen werden immer mehr genutzt, um Textilien, Medizin oder Verpackungsmaterial herzustellen und so Erdöl zu ersetzen.

Doch kann das die Investmentzahlen erklären? Sie scheinen eine andere Sprache zu sprechen: Seit dem Jahr 2000, als die Politik die Rohstoffterminbörsen für Investoren geöffnet habe, habe sich das Kapital am Terminmarkt von 15 auf 600 Milliarden Dollar erhöht, sagt die Nichtregierungsorganisation Foodwatch 2012. Parallel dazu haben sich die Nahrungsmittelpreise laut FAO in den vergangenen zehn Jahren insgesamt verdoppelt.


Anleger setzen Unternehmen gemeinsam mit NGOs unter Druck - erfolgreich

Inzwischen werden auch Aktionäre aktiv. „Spekulation mit Agrarrohstoffen macht Weizen und Mais für Arme in Entwicklungsländern unbezahlbar“, sagt Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbands kritischer Aktionäre. In mehreren Hauptversammlungen (HV) thematisierte er 2012 und 2013 zusammen mit Foodwatch die Verwicklung von DAX-Unternehmen in „Landraub“ und die Spekulation mit Agrarrohstoffen. Anleger könnten den Banken und Fondsgesellschaften ein deutliches Signal geben, indem sie nicht in Agrarrohstoff-Fonds investierten.

Kritik bekamen seit 2012 die Deutsche Bank und insbesondere die Allianz zu spüren. Der größte deutsche Versicherer handle so stark wie kein anderes deutsches Unternehmen an Warenterminbörsen mit Nahrungsmitteln, wettert die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Allianz-Konzernchef Michael Diekmann erwiderte damals, man nehme das Thema sehr ernst, denn es sei ein Reputationsrisiko für den Konzern. Doch der Konzern betreibt die Spekulation weiter. „Allianz bleibt Spitzenreiter beim Geschäft mit dem Hunger“, warf Oxfam ihm darum im Mai 2013 vor.

Der Dachverband der kritischen Aktionäre hatte Oxam einen Teil seiner Stimmrechte für die Allianz-HV 2012 übertragen, damit sie Rederecht erhielt. Oxfam hatte zu Beginn des Jahres in der Studie „Mit Essen spielt man nicht! - Die deutsche Finanzbranche und das Geschäft mit dem Hunger“ festgestellt, dass alle großen deutschen Finanzinstitute mit Nahrungsmitteln spekulieren und ein Sechstel des weltweit geschätzten Anlagevolumens in Agrarrohstoffen von 68,8 Milliarden Euro halten. Die Allianz habe 2011 als mit Abstand größter Akteur 6,2 Milliarden Euro direkt und indirekt in Lebensmitteln angelegt, die Deutsche Bank stehe mit 4,57 Milliarden Euro auf Platz zwei. Das verschärfe die weltweite Hungerkrise.

Die Institute bestätigen diese Zahlen nicht. Die Deutsche Bank bekundete auf ihrer HV 2012, vorerst keine neuen Produkte in diese Richtung aufzulegen. Sie erwecke jedoch den falschen Eindruck, sie steige aus dem Geschäft aus, kritisiert Dufner. Das Institut führt nach eigenen Angaben die alten Produkte zunächst weiter.

Gemeinsam mit dem Dachverband der kritischen Aktionäre reichte Oxfam auf der Hauptversammlung (HV) 2013 einen Antrag auf Nicht-Entlastung des Vorstands ein. Der setzte sich nicht durch und die Allianz ist weiterhin im Geschäft mit Agrarrohstoffen. Im Jahr 2012 hatte sie die Entwicklungsorganisation Oxfam zur Prüfung der Agrar-Spekulations-Vorwürfe hinzu gezogen. Zum Jahreswechsel entschied sie aber, im Geschäft mit der Nahrungsmittelspekulation zu bleiben. Sie glaube, Investitionen an den Agrar-Terminbörsen nutze der Landwirtschaft und der Ernährungslage weltweit und trage nicht zum Hunger bei, hat Vorstandsmitglied Jay Ralph der Agentur Reuters im Januar gesagt. Folglich hat sich der Versicherer nicht von den Argumenten Oxfam’s überzeugen lassen.
Aber die europaweite Debatte dazu verstummte nicht, und laut einer Forsa-Umfrage vom August 2013 wollen 78 Prozent der Deutschen, dass Banken aus der Nahrungsmittelspekulation aussteigen. Die Deutsche Bank kündigte Anfang Dezember 2013 ihren Rückzug an.

Viele Institute reagierten auf den öffentlichen Druck, weil sie ihre Reputation nicht unnötig aufs Spiel setzen wollen. Die BayernLB stieg im Oktober 2013 aus dem Geschäft mit Agrarrohstofffonds aus, eine Tochter hatte einen Drittfonds verwaltet. „Wir begrüßen den konsequenten Schritt“, sagte David Hachfeld von Oxfam. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung hatten die Landesbank dazu aufgefordert. Der Dialog mit Oxfam habe zur Bewusstseinsbildung beigetragen, so eine Sprecherin.

Im Mai 2013 war schon die DZ-Bank aus dem Geschäft ausgestiegen und seit 2012 die Deka-Bank, die Commerzbank und die Landesbanken von Baden-Württemberg und Berlin. Die Dekabank argumentierte, zwar lägen keine gesicherten Erkenntnisse vor, die einen Zusammenhang zwischen Indexinvestments und tatsächlichen Preisentwicklungen von Agrarrohstoffen belegten, aber man könne ihn auch nicht ausschließen.

Auch wenn diese Institute in dem Segment kaum aktiv sind, stehen sie international nicht allein. Auf den Druck von NGOs haben sich in Frankreich BNP Paribas sowie Crédit Agricole respektive ihr Fondsmanager Amundi von derartigen Investments verabschiedet, ebenso die dänisch-schwedische Bank Nordea. „Unsere Entscheidung basiert auf einigen internationalen Analysen, die die Beziehung zwischen verstärkter Spekulation auf den Finanzmärkten und volatilen (und rekordmäßigen) Preisen für Nahrungsmittelrohstoffe belegen“, zitiert der Newsdienst Danwatch Direktor Klaus Fridorf von Nordea. Im Herbst 2013 kehrte die österreichische Raiffeisen Capital Management der Agrarspekulation den Rücken. Die britische Bank Barclays, einer der größten Akteure an den Agrarbörsen, hatte das im Februar 2013 angekündigt.

Der unabhängige Finanzberater PRO-Finance vermittelt nach eigenen Angaben keine Investmentfonds, die mit Weizen und oder Mais spekulieren. Das ist nach seiner Ansicht bei 50 von 7000 Fonds der Fall. Der Online-Vermittler informiert in seiner Initiative „Handle Fair“ über die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln. Sie fordert Banken, Investmentgesellschaften und Anleger dazu auf, Geschäfte mit Weizen, Mais und Reis einzustellen.

Zeithorizont entscheidet, ob Agrarinvestitionen spekulativ oder nachhaltig sind
Der Schweizer Vermögensverwalter SAM hat eine differenzierte Meinung. Aus ethischer Sicht seien spekulative Wetten auf Kursspitzen problematisch, aber: „Die generelle Schelte greift zu kurz und lässt einen wichtigen Aspekt aus: Investitionen in die Produktionseffizienz der Agrarindustrie sind notwendig, damit die zusätzlichen zwei Milliarden Erdbewohner im Jahr 2050 ernährt werden können“, sagt Researchleiterin Gabriela Grab-Hartmann.

Finanzprodukte, die in Unternehmen mit entsprechenden Technologien und Dienstleistungen investierten, würden Kapital dorthin leiten, wo aktiv zur Lösung oder zumindest Linderung des Problems beigetragen werde. Zudem seien Agrarinvestments nicht mit Direktanlagen in Rohstoffe gleichzusetzen, sondern deutlich breiter aufgestellt. „Aus Sicht nachhaltig orientierter Investoren ist dieses Thema damit nicht nur problematisch, sondern eröffnet auch offenkundige Ansatzpunkte für eine langfristige Verbesserung des Lebensstandards in vielen Regi¬onen der Welt sowie interessante Anlagechancen.“

Schließlich muss die Lebensmittelproduktion bis 2050 um insgesamt 70 % erhöht werden, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, so die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen).

Bei der Beurteilung von Agrarinvestitionen und ihrer Nachhaltigkeit ist darum der Zeithorizont ein entscheidender Maßstab: Kurzfristige Anlagen sind Spekulationen, bei denen erhebliche negative Auswirkungen möglich und jedenfalls nicht auszuschließen sind. Langfristige Agrarinvestitionen können jedoch dazu beitragen die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung zu unterstützen.


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Externe Links
Dachverband kritischer Aktionäre
Foodwatch

Schlagworte

Anlagekonzepte, Anleger, Börse, Landraub, Spekulation

Letzte Aktualisierung

26.08.2015 14:21

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