Ist 100 Prozent Nachhaltigkeit möglich?

Wo Nachhaltigkeit drauf steht, muss auch Nachhaltigkeit drin sein. Dieser Anspruch scheint selbstverständlich. Verbraucher und Anleger, Nichtregierungsorganisationen und Medienformulieren ihn immer dann besonders lautstark, wenn wieder einmal aufgedeckt wird, dass Nachhaltigkeitsfonds Bekleidungsunternehmen enthalten, deren angeblich sozialverträglich hergestellten Textilien unter kaum zumutbaren Bedingungen entstehen, oder dass ethische Fonds Rüstungstitel enthalten.

Hier stellt sich nicht nur die Frage, wie es dazu kommen kann, sondern insbesondere die Frage: „Ist 100 Prozent Nachhaltigkeit möglich?“ Eine genaue Analyse zeigt, dass mehrere Gründe dagegen sprechen:

a) Es gibt keine weltweit einheitliche Definition von Nachhaltigkeit.
b) Eine hundertprozentige Kontrolle ist nicht möglich.
c) Absolute „Reinheit“ existiert nicht.

Anleger sollten sich darum stets bewusst sein: Es gibt nicht „die eine Nachhaltigkeit“. Darum sind gewisse Toleranzgrenzen bei Anlageprodukten unabdingbar.

Über etwaige Toleranzgrenzen, die Nachhaltigkeitsfonds bei bestimmten Themen handhaben, informieren die jeweiligen Fondsprospekte. Auch geben die FNG-Fondsprofile und Fonds-Matrix Auskunft, die das Forum Nachhaltige Geldanlagen seit Frühjahr 2012 auf seiner Webseite veröffentlicht.

a) Es gibt keine weltweit einheitliche Definition von Nachhaltigkeit.

Zwar verbinden Menschen über Kontinente hinweg damit die Vorstellung von Umweltschutz, Gerechtigkeit und Entwicklung, wozu wesentlich der Erdgipfel von Rio 1992 und die Brundland-Definition von 1987 beigetragen haben. Doch was genau einzelne Menschen oder Bevölkerungen und Staaten konkret darunter verstehen, hängt von vielen Faktoren aber, die sich sehr stark unterscheiden: den geographischen und klimatischen Bedingungen, den Kulturen und Religionen, dem Staatswesen, der Geschichte und der wirtschaftlichen Lage. Bei vielen ethischen und nachhaltigen Fragestellungen gibt es folglich sehr unterschiedliche Positionen und Erwartungen – und für jede Sichtweise gute Gründe. Man kann die Welt nicht mit einer einzigen Messlatte beurteilen. Meist bedarf es gesellschaftlicher Diskussion und Kompromisse, um Wege in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit zu finden und zu beschreiten.

Tatsächlich existieren aus diesem Grund weder national noch international einheitliche und/oder verbindliche Mindeststandards für nachhaltige Anlagen. Darum auch ist es legitim, dass Anleger innerhalb eines Landes und über Ländergrenzen hinweg unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie ein nachhaltiges Anlageprodukt auszusehen hat und welche Kriterien es verwenden soll. Für die Deutschen ist Atomkraft tabu, für die Franzosen ist sie dagegen aktiver Klimaschutz. Die Alpenländer setzen auf Wasserkraft, in Entwicklungsländern können Staudämme sozial und ökologisch verheerend sein. Derartige Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Überdies erfordern wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zusammenhänge bei diesem komplexen Thema ständig Neujustierungen.

Eine Kategorisierung nach „hellgrünen“ und „dunkelgrünen“ Anlageprodukten ist folglich heikel, weil es äußerst schwierig ist, sich national und international auf gemeinsame Kriterien zu einigen. Und weil eine zu starre Kategorisierung verkennen würde, dass unterschiedlich strenge Nachhaltigkeitskonzept aufgrund verschiedener Wirkungsweisen durchaus vergleichbare positive Effekte haben können.

Besonders schwierig ist die Beurteilung paradox wirkender Fälle. Das Jahr 2012 lieferte unter anderem die Beispiele, dass der Pensionsfonds des europäischen Kernforschungszentrums ethisch investiert, und dass in Deutschland nachhaltiger Tabak angebaut wird. Industrielle Tabakherstellung ist bei ethisch orientierten Anlegern oft auf dem Index, doch jetzt gibt es nachhaltigen Tabak. Was ist das? Ökologisch angebauter Tabak, in der Südpfalz soll das Volumen 2012 fast verdreifacht werden. Doch von Gesundheitsverträglichkeit ist nicht die Rede. Auch Kernenergie ist bei vielen deutschsprachigen Anlegern tabu. Nun kündigte der Pensionsfonds der European Organisation for Nuclear Research (CERN) laut Responsible Investor an, die von ihm verwalteten 3,9 Milliarden Schweizer Franken verantwortlich anzulegen. Demnach schließt er Aktien dreier Branchen aus ethischen Gründen aus: Tabak, Alkohol und Glücksspiel. Atomenergie ist nicht dabei. Die beauftragten Vermögensverwalter sollen einen Teil ihrer Profite in die Wohlfahrt stecken zugunsten von Gesundheit und Kindern – Beobachter fragen, ob davon auch atomar verseuchte Kinder in Japan profitieren.

b) Eine hundertprozentige Kontrolle ist nicht möglich.

In der zunehmend globalisierten Welt verdichten sich die wirtschaftlichen Verflechtungen: Unternehmen vieler Branchen haben heute Tausende Zulieferer, die das Unternehmen direkt beliefern oder indirekt über weitere Zuliefererbetriebe. So ergeben sich lange und teilweise sehr komplexe Zuliefererketten. Der Beginn kann etwa bei der Bekleidungsbranche in unzugänglichen Bergregionen (Schurwolle) oder in abgelegenen Dörfern (Lederfärbereien) liegen.

Von Unternehmen wird gefordert, im Rahmen ihrer unternehmerischen Verantwortung (CSR) über ihre gesamte Lieferkette hinweg Standards für Umweltschutz, Arbeits- und Menschenrechte einzuhalten. Konzerne verpflichten unter dem Druck der Öffentlichkeit (Verbraucher, Nichtregierungsorganisationen, Medien, öffentliche Auftraggeber, Regulatoren) ihre direkten Zulieferer immer häufiger zur Einhaltung internationaler Normen. Auch bauen sie Kontrollsysteme auf. Doch damit sind keineswegs die Zulieferer der zweiten, dritten oder achten Reihe erreicht.

Es ist überaus schwierig und erfordert sehr viel Zeit, lange und komplexe Lieferketten auf Verantwortung zu trimmen. Transparenz und gute Vorsätze reichen nicht, und absolute Kontrolle ist angesichts der weltweiten Lieferverflechtungen kaum möglich.

Da es für Außenstehende noch viel schwerer ist, Lieferketten zu durchleuchten, haben viele Nachhaltigkeitskonzepte aus gutem Grund gewisse Toleranzschwellen. Toleranzgrenzen haben angesichts dieses Kontrollproblems bei manchen Themen selbst Banken, die sich unbestritten in ihrem gesamten Geschäft – bei Krediten, Eigenanlagen und Anlageprodukten - der Nachhaltigkeit verschrieben haben. So ist Atomstrom bei alternativen Banken, wie Ethikbank, GLS, Triodos und Umweltbank tabu. Ihre Politiken erfassen nicht nur die Versorger, sondern auch die Produkte und Dienstleistungen entlang der gesamten Risikokette. Doch auch hier ist keine Kontrolle über die langen Zuliefererketten bis ins letzte Glied möglich. Die Anlageleitlinien der Ethikbank lehnt darum Investitionen in Unternehmen dann ab, wenn sie mehr als fünf Prozent des Umsatzes mit Nuklearenergie erzielen: „Zum einen werden alle Unternehmen ausgeschlossen, die Atomkraftwerke besitzen oder betreiben. Des Weiteren werden die Unternehmen ausgeschlossen, die mehr als 5 % ihres Umsatzes in einem der folgenden drei Bereiche erwirtschaften: Besitz oder Betrieb von Atomkraftwerken, Vertrieb von Atomenergie oder mit bedeutenden Dienstleistungen für Atomkraftwerke.“

Überdies kommen viele Missstände gar nicht ans Tageslicht. Verbraucheraufstände sind selten, es mangelt an Kaufentscheidungen, bei denen auch Ausbeutung in Indien oder Umweltdesaster in China einfließen. Allerdings rasen heutzutage von Nichtregierungsorganisationen identifizierte Missstände und negative Schlagzeilen durch soziale Netzwerke, und die Internetgemeinde heizt Firmen zunehmend ein.

Werden bei Zulieferern etwa Kinderarbeit oder Gesundheitsschäden aufgedeckt, recherchieren Analysten und beobachten, wie sich Unternehmen verhalten. Aus unternehmerischer Sicht ist es oft schwierig, auf schnell – manchmal vorschnell - urteilende soziale Netze zu reagieren, insbesondere bei Problemen, deren Lösung einen hohen Aufwand erfordert. Analysten überprüfen, ob Einzelfälle vorliegen, die tolerierbar sind, sofern Unternehmen vorbeugen, dass sie sich nicht wiederholen. Oder ob systematische Verstöße gegen internationale Normen vorliegen, die dem Auftraggeber – dem börsennotierten oder Anleihen emittierenden Unternehmen – zuzuschreiben sind. Multinationale Unternehmen üben beispielsweise oft einen so hohen Preisdruck auf die Zulieferer aus, dass es dort zwangsläufig zu unerträglichen Arbeitsbedingungen kommt - um letztlich den Konsumrausch der (nicht mehr nur westlichen) Welt möglichst billig zu bedienen.

c) Absolute „Reinheit“ existiert nicht.

Mit Rüstung verbundene Unternehmen aus Fonds auszuschließen ist eine Leichtigkeit – sollte man denken. Doch das Thema militärische Güter zeigt beispielhaft, wie schwierig hundertprozentige Nachhaltigkeit ist.

So sind für den norwegischen Staatsfonds Waffen tabu. Der mit rund 500 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen einer der weltweit größten Pensionsfonds hat seit 2004 einen Ethikrat, der überprüft, dass keine Investitionen in Rüstung fließen. Der Ethikrat und das CSR-Team der Zentralbank müssen ein Anlageuniversum von rund 7000 Unternehmen auf Verstöße gegen die diese und andere ethische Leitlinien durchleuchten. Eine mühsame Arbeit: Beispielsweise recherchierte der Rat sechs Monate, um Tausende von Firmen zu überprüfen, ob sie Bauteile für Atomwaffen oder Splitterbomben herstellen. Wie knifflig das ist, sagte Gro Nystuen, die langjährige Leiterin des Ethikrates, einer Mitautorin des Jahrbuchs Ökologie 2010, unverblümt: „Wer zum Teufel bestimmt überhaupt, was ein Bauteil dafür ist?“ Jede Schraube könne es sein. Das Verteidigungsministerium entschied schließlich, Waffenproduzenten komplett auszuschließen, nicht aber Hersteller potenzieller Bestandteile.

Wer Nachhaltigkeitsfonds auflegt und managt steht zusammen mit den Anlageausschüssen (sofern vorhanden) immer wieder vor der Frage, ob ein bestimmtes Unternehmen noch akzeptabel ist oder nicht. Sind Handys und Computer Rüstungsgüter, wenn sie zu militärischen Zwecken eingesetzt werden? Wie ist das mit Lastwagen und Pkw? Oder mit den Herstellern anderer so genannter „dual use“ Produkten, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke einsetzbar sind?

Für Nachhaltigkeits-Ratingagenturen zählt darum oft die Gesamtleistung: In Ratings fließen zwischen 50 und 200 ESG-Kriterien ein, die jeweils Teilaspekte von Nachhaltigkeit erfassen. Keiner der Indikatoren kann die anderen dominieren – das ist so gewollt. Falls es für Anleger absolute Tabuthemen gibt, haben sie vielfach die Möglichkeit, einzelne absolute Ausschlusskriterien zu aktivieren. Gleichwohl besteht selbst dann das Problem fehlender hundertprozentiger Kontrolle, weswegen auch bei Tabuthemen Toleranzgrenzen sinnvoll sein können.

Bei vielen anderen Themen wird die Frage, ob ein Unternehmen nachhaltig ist, ebenfalls an seiner überwiegenden Geschäftstätigkeit beurteilt. So akzeptieren einige Fonds etwa bei Einzelhandelsunternehmen einen Umsatzanteil von fünf bis zehn Prozent für Alkoholika oder Tabak. In den Anlageleitlinien der GLS Bank heißt es: „Ein Unternehmen wird ausgeschlossen, wenn mehr als 10% des Umsatzes mit dem Handel von Tabakwaren erzielt werden bzw. die Produktion von Tabakwaren mehr als 5 % der Unternehmenstätigkeit beträgt.“

Besonders schwierig sind Grenzfälle von Unternehmen, die überwiegend Produkte und Dienstleistungen anbieten, die für eine nachhaltige Entwicklung ausgesprochen förderlich sind – die aber auch einige wenige kontroverse Themen in ihrem Sortiment haben.
Besonders schwierig ist die Beurteilung paradox wirkender Fälle. So gibt es Unternehmen, die überwiegend Produkte und Dienstleistungen anbieten, die eine nachhaltige Entwicklung fördern, aber die auch wenige kontroverse Themen im Sortiment haben. So hat die staatliche Förderbank KfW auf Drängen der Bundesregierung Ende 2012 durch den Bund eine Beteiligung am Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS zugewiesen bekommen. Das gesamte direkte und indirekte EADS-Engagement der KfW macht infolgedessen 8,56 Prozent aus (31.1.2013).

Zum Vergleich: Die Mittelstandsförderung macht gut 30 Prozent des Geschäfts aus und mehr als 40 Prozent der Fördermittel fließen in den Umwelt- und Klimaschutz. Die Anleihen der Bankengruppe gelten darum eigentlich als nachhaltig. Aber sind sie das jetzt noch? Die Antwort hänge vom Nachhaltigkeitsverständnis und dem Ansatz des jeweiligen Investors ab, sagen Analysten dem Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments. Für Anleger, die Beteiligungen an Rüstungsunternehmen absolut ablehnen, wäre sie nicht mehr investierbar. Aber für die meisten Anleger mit einem relativen Ansatz werde die KfW investierbar bleiben, solange der Anteil an EADS nicht über zehn Prozent steige. Zudem sei es möglicherweise nur eine temporäre Beteiligung – und ein Hintergrund könne auch das Interesse am Erhalt der mit den zivilen Produkten verbundenen Arbeitsplätze sein, ein für nachhaltige Investoren wichtiger Aspekt.

Interne Links

Externe Links

Anlageleitlinien der GLS Bank
Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments
Beteiligung am Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS

Schlagworte

Anlagekonzepte, Grundsatzfrage, Nachhaltige Anlagekonzepte, Probleme

Letzte Aktualisierung

31.08.2015 10:00

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