Aktives Aktionärstum: Engagement-Ansätze in Deutschland

a. Begriffserklärung
b. Engagement international stark verbreitet
c. Erste Engagement-Ansätze in Deutschland

c. Erste Engagement-Ansätze in Deutschland

Öffentlich aktiv zu werden oder im Dialog mit Führungsspitzen Unternehmen auf mehr Nachhaltigkeit zu drängen, ist ein großer, in Deutschland aber weithin ungenutzter Hebel. Erst einzelne Stiftungen und kirchliche Organisationen haben begonnen, ihn zu nutzen. Manche Nachhaltigkeitsfonds haben Engagement als zusätzlichen Baustein neben Nachhaltigkeitskriterien.

Die Stiftung Nord-Süd-Brücken beispielsweise lässt ihre Stimmrechte seit Jahren vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ausüben. Er tritt öffentlich und auf Hauptversammlungen (HV) auf, wenn Unternehmen seiner Ansicht nach unglaubwürdig handeln. Beispiel ThyssenKrupp: Vor der HV im Januar 2010 veröffentlichte der Verband eine Studie, die die schwache Nachhaltigkeitspolitik des Konzerns und Widersprüche bloßlegt. Die damaligen Umweltmagazine des Duisburger Unternehmens sind optisch zwar ansprechend, aber wenig aussagekräftig.

Kritische Aktionäre prangern Geschäftspraktiken an

Auf der HV kritisierte der Aktionärsverband die Art, wie ThyssenKrupp in einer brasilianischen Bucht Erz abbaue. Die Fischfangmengen seien um 80 bis zu Prozent gesunken und rund 8000 Fischer in ihrer Existenz bedroht. Der Vorrang ökonomischer Kriterien habe gute Ansätze des sozioökonomischen Projekts zunichte gemacht. Vertreter der Fischer verlangten die ökologische Wiederherstellung und eine Entschädigung. Der Konzernvorstand wies jede Verantwortung von sich, die Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage, die Bucht sei durch ein anderes Unternehmen mit Schwermetallen kontaminiert worden. „Wir handeln nach Recht und Gesetz und haben uns nichts zu Schulden kommen lassen“, so ein Sprecher auf Anfrage. Dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hatte der Konzern Anfang 2010 Dokumente zur Verfügung gestellt.

Die Stiftung Nord-Süd-Brücken schloss sich der Forderung der Kritischen Aktionäre an, eine unabhängige, international besetzte Kommission zu berufen, die die Vorwürfe prüft. Der Konzern wollte davon nichts wissen. Bei der Hauptversammlung von ThyssenKrupp im Januar 2011 stimmte der Dachverband der Kritischen Aktionäre gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat und empfahl dem Konzern, höhere Rücklagen für die Entschädigung brasilianischer Fischer und wegen Umweltverstößen zu bilden. Die brasilianische ThyssenKrupp-Tochter CSA war zuvor laut Manager Magazin wegen wiederholten Umweltverstoßes durch das neue Stahlwerk an der Bucht von Sepetiba zu einer Geldbuße und Entschädigungszahlung von insgesamt 7,5 Millionen Euro verurteilt worden.

Im Jahr 2013 hat sich das Projekt der brasilianischen Stahlfabrik auch als wirtschaftlich nicht tragfähig erwiesen und brachte den gesamten Konzern in erhebliche ökonomische Schwierigkeiten.

Die Bayern im Alleingang

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hingegen tritt nicht auf HVs auf. Das amerikanisch geprägte öffentliche Engagement hätte dazu führen müssen, dass heute mehr Unternehmen zukunftsweisend aufgestellt sind, aber das sei nicht der Fall, begründet die Kirche. Die Bayern bevorzugen darum den konstruktiven Dialog. Die Landeskirche hat ihr Portfolio nach ethisch-ökosozialen Kriterien durchleuchtet, heikle Fälle sondiert und 2009 begonnen, Verantwortungsträger von Unternehmen, Vorstände oder Aufsichtsräte, anzusprechen. „Wenn man sich nicht äußert, kann man nicht gehört werden. Stellt man aber dialogbereit Forderungen, kann man Menschen dazu bringen, dass sie über das, was sie tun, nachdenken“, wird argumentiert.

Mehrere Anfragen stellte die bayerische Landeskirche an im Dax oder Eurostoxx gelistete Unternehmen. Teilweise haben sie bereits gewirkt. Namen nennt die Kirche nicht. In einem Fall wurde ihrem Begehren Rechnung getragen, kein Atomkraftwerk in einem Erdbebengebiet zu errichten. Der Schluss liegt nahe, dass es um das bulgarische Atomkraftwerk Belène ging, von dem RWE Abstand nahm. Auch der Vermögensverwalter Union Investment hatte darauf gedrungen. Die Landeskirche zeigt, dass eine Kombination nachhaltiger Anlagekriterien und Engagement sinnvoll ist. Sie startete damit, obwohl Researchagenturen den größten Teils des Anlagevolumens in Wertpapieren (ein kleiner einstelliger Milliardenbetrag) als nachhaltig eingestuft hatten.

Dienstleister bündeln Kräfte und bewirkt Umdenken in Unternehmen

Andere kirchliche Akteure kooperieren mit speziellen Dienstleistern, die für sie und ihre Kunden Stimmrechte wahrnehmen und in Dialog mit Unternehmen treten. Dies hat die Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) Anfang Dezember 2011 mit einigen kirchlichen Kunden und dem genossenschaftlichen Vermögensverwalter Union Investment vereinbart. Im Jahr 2012 sind die technischen Schnittstellen geschaffen und die Stimmrechte auf die Union übertragen worden. Die Anleger haben bereits Schwerpunktthemen und Anliegen sondiert, die das SRI-Team der Union auf Hauptversammlungen und in Gesprächen mit Unternehmen anbringen soll, darunter insbesondere die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen, Menschenrechte und die Vermeidung von Kinderarbeit. Zu den Kunden, die dieses Engagement in Anspruch nehmen werden, gehört die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD), kirchliche Versorgungskassen (KZVK und VKPB), einige evangelische Landeskirchen und diakonische Einrichtungen sowie Kirchenkreise. In Zukunft, so die KD-Bank, sei die Kooperation auch offen für andere Kirchenbanken und kirchliche Anleger.

Die Union Investment sieht die Stimmrechtsnutzung als „Verpflichtung im Sinne unserer Anleger“, bringt sich zudem bei HVs gezielt über Redebeiträge ein, sofern dies notwendig erscheint. Dabei adressiert sie ausdrücklich auch Nachhaltigkeitsthemen. Dadurch bestehe die Chance, dass sich andere Aktionäre der vertretenen Meinung anschlössen. Das könne besonders bei öko-sozialen Themen wichtig sein, die, so die Fondsgesellschaft, einen bedeutenden Einfluss auf das Geschäftsmodell haben – dazu zählen unter anderem CO2-Emissionen, Arbeitssicherheit, Sozialstandards, Nukleartechnik und erneuerbare Energien. Die Union Investment betreibt seit einiger Zeit als erste deutsche Fondsgesellschaft aktive Firmendialoge, nicht nur für ihre Nachhaltigkeitsfonds, sondern für das komplette Fondsportfolio. Dadurch wächst ihr Stimmengewicht, das sie in Hauptversammlungen und bei Dialogen einbringen kann.

Auch ausländische Akteure bieten vergleichbare Dienstleistungen für Investoren aus dem deutschsprachigen Raum an. Darunter sind Akteure, die wie die Schweizer GES Investment Services keine Vermögen verwalten. Manche Dienstleister übernehmen wie die britische F&C nur die Stimmrechtsausübung, nicht aber den direkten Dialog mit Unternehmen.

Kirchenorganisationen wollen aktiv werden

Seit Jahren befassen sich auch beide großen Kirchen in Deutschland mit dem Thema, auch gedrängt von Nichtregierungsorganisationen. „Wir haben von kirchlichen Investoren gefordert, dass sie mit Unternehmen, in die sie investieren, den kritischen Dialog aufnehmen“, berichtet Antje Schneeweiß, die Wissenschaftlerin am Südwind Institut, das seit 2009 einen diesbezüglichen Stakeholderdialog führt. Inzwischen entstand der „Arbeitskreis kirchliche Investments“, in dem alle großen Vermögensverwalter der evangelischen Kirche vertreten sind. Sie verwalten addiert weit mehr als zehn Milliarden Euro, manche Schätzungen sprechen von 20 Milliarden Euro. Diese Arbeitsgruppe der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erarbeitete Kriterien und Leitlinien, an denen sich Investoren orientieren können – im Herbst 2011 veröffentlichte die EKD einen „Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche “. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte bereits 2010 eine Orientierungshilfe zu ethik-orientiertem Investment heraus gegeben.

Ende 2012 richtete der evangelische Arbeitskreis eine Koordinationsstelle ein, die u.a. kritische Dialoge zwischen kirchlichen Investoren und Unternehmen verzahnt. So soll ein Netzwerk aufgebaut werden, das die Informationen und Anliegen kirchlicher Anleger sammelt und an mehrere entsprechende Dienstleister weiterleitet sowie Gesprächspartner in Kontakt bringt. Zunächst solle weniger die „Marktmacht“ als die „Wertemacht“ der evangelischen Kirche genutzt werden, heißt es in Kirchenkreisen.
In der EKD war einige Jahre lang die Möglichkeiten diskutiert worden, gemeinsam Engagement zu betreiben. Das stellt sich als mühsam heraus: Eigentlich sollten Ende 2009 Beschlüsse fallen, dann war Ende 2010 angepeilt. Doch in die inhaltliche Diskussion haben sich aus Landeskirchen, Pensionskassen und Kirchenbanken viel mehr Akteure eingebracht, als erwartet worden war. Das verzögerte den Prozess, bot aber laut Kirchenbankvorständen die Chance, zu einer breit getragenen, theologisch fundierten, schlagkräftigen und gut organisierten Lösung zu kommen. Die Hoffnung erfüllt sich aber nicht, weswegen beispielsweise die KD-Bank in Kooperation mit Union Investment seit 2012 eine Plattform für Engagement anbietet, die zunächst nur ihren Kunden offensteht (siehe oben: Dienstleister bündeln Kräfte und bewirkt Umdenken in Unternehmen).

Auch die 2009 entstandene Idee der evangelischen KD-Bank und der katholischen Bank für Kirche und Caritas (BKC), eine überkonfessionelle Interessensvertretung zu schaffen, ist bisher nicht realisiert. Die BKC hatte katholische und protestantische Kooperationspartner gesucht und ausgelotet, welches Vorgehen am besten wäre, eine Partnerschaft mit einem Vermögensverwalter oder die Gründung einer genossenschaftlichen Organisation. Doch die Rückmeldungen von katholischen Institutionen waren ablehnend bis zurückhaltend. In der katholischen Kirche gibt es laut BKC keine Mehrheit, weder für ein rein katholisches Engagement noch für überkonfessionelle Aktivitäten. Da zudem Kundeninteresse fehlt, hat sie ihre Bemühungen um Engagement vorläufig zurückgestellt.

Die Kirchen verwalten Pensionsgelder in einer geschätzten Höhe von 60 Mrd. Euro und könnten als zweitgrößter Arbeitgeber Deutschlands auch Kleinanleger beeinflussen. Diese geballte Aktionärskraft könnten Unternehmen sowie private und institutionelle Investoren nicht ignorieren – es wäre ein Anstoß zu einem gesellschaftlichen Umdenken, wie es in Skandinavien, Großbritannien, den Niederlanden und den USA zu beobachten ist. Dort machen nachhaltige Geldanlageformen bis zu 12 Prozent des Kapitalmarkts aus, manche Pensionsfonds betreiben Engagement für mehrere hundert Milliarden Euro.

Beobachter bedauern, dass sich in Deutschland nur die evangelische Kirche, nicht aber die katholische Kirche systematisch auf den Weg macht, ihre ethischen Ansprüche nicht nur von der Kanzel aus zu postulieren, sondern auch im konkreten Fall einzelner Unternehmen und ihrer Mitarbeiter anzumelden.

Einschaltung internationale Dienstleister
Die Landeskirchen in Hessen und Nassau sowie in Baden und zwei evangelische Versorgungskassen lassen ihre globalen Stimmrechte schon seit 2008 durch den britischen Vermögensverwalter F&C ausüben. Damals bezog sich das auf eine Milliarde Euro. Inzwischen haben insgesamt sieben deutsche Kunden, u.a. die Bayerische Versorgungskammer, addiert mehr als zehn Milliarden Euro in dessen „Waagschale“ geworfen (Dez. 2013). F&C überprüft mit dem „Responsible Engagement Overlay“-Ansatzes (Reo) die globalen Aktienbestände seiner Kunden zu Unternehmensführung, Umwelt, Sozialem und Ethik. Dabei ist unerheblich, ob F&C die Aktien verwaltet oder nicht. Die Londoner bündeln Interessen und Einfluss vieler Investoren, treten mit den Stimmrechten in HVs auf und sprechen Unternehmen gezielt an. Dass sie sich nachweislich Gehör verschaffen, war ein ausschlaggebendes Argument für die kirchlichen Anleger.

F&C stimmte 2013 fast 60.000 Resolutionen bei 5.797 Unternehmen in 66 Ländern ab Dabei wurde in 75.2% der Fälle für die Verwaltung gestimmt, eine leicht höhere Quote als 2012. Hauptgrund für die höhere Zustimmung war eine leicht ansteigende Unterstützung für Kapitalerhöhungsanträge. Im Jahr zuvor war die Zustimmungsrate etwas geringer gewesen, weil häufiger Anträge zum Thema Vergütung ablehnt wurden.

Ende Q3 2013 betrug der Umfang der Reo-Mandate 97,7 Mrd. Euro, von denen die Briten 33,8 Mrd. Euro selbst managen. Zwar hätten viele Investoren infolge der Finanzkrise ihre Aktienpositionen und Stimmrechte reduziert, aber Investments in Firmenanleihen stark ausgebaut, und sie wünschten hierfür aktiven Dialog mit den Emittenten. Wie bei Aktien konzentriert sich der Dienstleister auch bei Anleihen auf Corporate Governance und Nachhaltigkeit, die langfristige Werttreiber für die Inhaber von Aktien und Anleihen sind.

Stärker als auf Resolutionen setzt F&C auf den Dialog, zumal Aktionärsresolutionen zu Umwelt- und Sozialthemen noch nicht verbreitet sind. Dagegen machten 2013 Umwelt- (27%) und Sozialthemen (47%) mehr als die Hälfte (Vorjahr: 38% und 26%) aller Dialoge der Briten mit Vorständen aus. Forderungen nach wirksamen Nachhaltigkeitsmanagementstrukturen und Unternehmensethik einberechnet lag der Anteil 2012 gar bei 86 Prozent. Der Asset Manager führte 2013 aktive Dialoge mit 716 Firmen, wobei laut F&C-Angaben Unternehmen in 293 Fällen ihr Verhalten aufgrund der Einflussnahme geändert haben. Zudem bewegte eine jahrelang von den Briten mitgetragene Investoreninitiative die US-Börsenaufsicht, am 28. Januar 2010 Leitlinien bekannt zu geben, die vorgibt, wie Börsenunternehmen ihre Aktionäre zu physischen und rechtlichen Klimarisiken und –chancen künftig informieren müssen. Beobachter stuften diese Leitlinien als bahnbrechend ein.

Die zentralen Dialogthemen können jedes Jahr etwas anders ausfallen. 2013 waren es ökologische und soziale Herausforderungen bei der Beschaffung landwirtschaftlicher Rohstoffe, Arbeitsbedingungen und Menschenrechte, sowie Berücksichtigung von Unternehmensethik und Risiken in der Vergütung. Schwerpunkte im Vorjahr waren Unternehmen mit unzureichenden Klimawandelstrategien, Sicherheitsstandards in den Sektoren Öl & Gas und Bergbau, sowie verantwortliches Marketing im Pharma Sektor. Die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten sei vielen Investoren wichtig, aus ethischen Gründen und weil Verstöße in manchen Branchen im Extremfall zum Verlust der „Licence to Operate“ führen. Die „Licence to Operate“ umfasst nicht nur die rechtliche Betriebsgenehmigung, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz. Im Bergbau gab es bereits Minenschließungen auf Druck von Aktionären. Von Banken wird gefordert, öko-soziale Standards nicht nur bei Projektfinanzierungen, sondern auch bei Geschäftskundenkrediten, Investment Banking und Beratung zu integrieren – erste Ansätze dafür gibt es bei einigen wenigen Banken.


Interne Links

Schlagworte

Aktien, Aktionäre, Engagement

Letzte Aktualisierung

18.11.2015 10:34

Diesen Artikel: