Kritische Betrachtung der Anlagekonzepte

Anlagekonzepte

a. Überblick über die Bandbreite der Konzepte
b. Kritische Würdigung: Warum gibt es so viele Methoden & Ratings? Ist die Vielfalt nötig?
c. Konsolidierungswelle im Nachhaltigkeitsresearch

b. Warum gibt es so viele Methoden & Ratings? Ist die Vielfalt nötig?

Haben Unternehmen akzeptable Arbeitsbedingungen an allen Firmenstandorten oder beschäftigen ihre Zulieferer Kinder? Senken Konzerne ihren Rohstoffverbrauch? Stellen sie ökologisch vertretbare Produkte in umweltschonenden Produktionsprozessen her? Eignen sich Obligationen eines Staates als Anlage? Achtet er die Menschenrechte, verhindert er Korruption und pocht er auf Umweltschutz? Das wollen zunehmend ethisch orientierte Anleger wissen.

Antworten geben spezialisierte Research- und Ratingagenturen sowie Indexanbieter für Nachhaltigkeit. Vor fünfzehn Jahren noch waren sie eine Seltenheit, im Ausland früher entstanden als in Deutschland. Heute ist der Markt etabliert: Arese, Core Ratings, Ethibel, Eiris, Imug, Innovest, Inrate, Oekom Research, Sustainalytics, Vigeo … so und anders lauten die geheimnisvollen Namen. Inzwischen haben sich weltweit mehr als 70 Agenturen sowie spezialisierte Teams in Banken gebildet. Der Markt mit Indizes und Ratings zur Unternehmensverantwortung boomt.

Doch all diese Researcher kommen zu unterschiedlichen Bewertungen. Ihre Analyseergebnisse sind oft nicht miteinander vergleichbar, liegen weit auseinander oder widersprechen sich gar. Wie kann das sein? Ist es nicht absurd, dass Anleger auf die Frage, ob ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, keine klare Antwort bekommen? Nein, das ist es nicht. Die jeweiligen Analysten arbeiten zwar recht ähnlich. Die meisten nutzen die „Best-in-class“-Methode, das heißt sie filtern für jede Branche die Unternehmen heraus, die ihrer Ansicht nach am verantwortlichsten handeln. Doch die Researchagenturen und -abteilungen verwenden sehr verschiedene Gewichtungen für die großen Themenbereiche sowie unterschiedliche Kriterienkataloge, manche haben strenge Ausschlusskriterien. Andere Reseachhäuser stellen nur Informationen zur Verfügung, so dass Investoren selbst entscheiden müssen und können, was für sie vertretbar ist.

Investoren kommen nicht umhin, sich mit diesen konzeptionellen Unterschieden auseinander zu setzen. Fallen ökonomische, ökologische und soziale Leistungen mit je einem Drittel in die Waagschale, wie bei der Schweizer SAM Indexes, resultieren daraus völlig andere Ergebnisse, als wenn sich Analysten auf ökologische und soziale Kriterien konzentrieren, die zum Beispiel je die Hälfte der Bewertung ausmachen. Die meisten Agenturen bewerten wie Oekom Research in München und Imug in Hannover ökologische und soziale Leistungen. Das ist ihre Kernkompetenz. Finanzratings gibt es genug und institutionelle Investoren und Vermögensverwalter betreiben selbst Finanzresearch. Sie können damit aus dem von einer Agentur ermittelten Universum nachhaltiger Unternehmen die für sie oder ihre Produkte finanziell attraktiven Titel herauspicken.

Mainstream-Investoren orientieren sich vielleicht lieber an Methoden, deren Kernfrage ist, was Nachhaltigkeit bringt, kostet und ob sie die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens erhöht. Viele Stiftungen, Kirchen und Pensionsfonds aber wollen wissen, was Unternehmen anpacken müssen, um nachhaltig zu wirtschaften. Genau das will Oekom Research zeigen. So kreiden es die Münchner Energieversorgern an, wenn diese Menschenrechte verletzen.

Manche Wettbewerber tun das nur, falls ein Reputations- und finanzielles Risiko droht. Diese „Materiality“-Methode, die nur oder vorwiegend Kriterien mit direkten Auswirkungen auf ökonomische Kennziffern beachtet, hat aus Nachhaltigkeitssicht enorme Grenzen, weil sie viele ökologisch und gesellschaftlich relevante Aspekte vernachlässigt. CSR sei ein viel breiterer Ansatz und Unternehmen sollten unbedingt ganzheitlich geprüft und gefordert werden, sagen Verfechter umfassender Methoden. Aber die Materiality-Methode hat auch ihr Gutes: Sie erreicht Großinvestoren, die sich sonst gar nicht um Umwelt und soziale Missstände kümmern würden.

Wenige Agenturen machen wie die internationale Sustainalytics branchenübergreifende Analysen. Damit vergleicht sie keinesfalls Äpfel mit Birnen, denn es lassen sich durchaus Managementqualitäten eines Energiekonzerns mit denen eines Versicherers vergleichen. Trotzdem war es nötig, Branchenkriterien aufzunehmen, was 2007 geschah.

Nachhaltigkeit lässt sich nicht in eine Schublade zwängen

Puren Nachhaltigkeitsfreaks gehen derartige Ratings nicht weit genug. Nur wirklich nachhaltige Unternehmen, deren Produkte und Dienste einer nachhaltigen Entwicklung nutzen, gehörten in Nachhaltigkeitsindizes oder -fonds, sagen sie. Dieser Ansicht kann man sein, aber sie verkennt dreierlei Aspekte.

Erstens sind die Interessenslagen von Anlegern sehr unterschiedlich und darauf müssen Ratings eingehen. Schon deswegen kann es kein alleinseligmachendes Rating oder Produkt geben. Zweitens gilt für Finanzprodukte dasselbe wie für alle Produkte und Dienstleistungen: Was nutzt es der Welt, wenn ein Bioladen zu 100 Prozent nachhaltig ist, aber die meisten Menschen im Supermarkt einkaufen? Es hilft der natürlichen Umwelt und der Menschheit mehr, wenn alle Supermärkte – sprich: Finanzdienstleister - zumindest teilweise auf Bio und Fairness setzen.

Drittens gibt es keine allgemeingültige Definition von Nachhaltigkeit und manche Nachhaltigkeitsaspekte bewirken Zielkonflikte. Wer eine die Umwelt belastende Fabrik schließt, vernichtet eventuell Arbeitsplätze. Soll sich ein konventionelles Unternehmen erst um Umweltschutz oder erst um Arbeitsbedingungen kümmern? Die Beurteilung nach gut und böse ist nicht so einfach wie es scheint. Ist ein Windanlagenbauer per se nachhaltig? Was ist, wenn er wie einst Enercon heftig und fragwürdig versucht, Betriebsratswahlen in seinen Werken zu verhindern? Sollten Hersteller von Verhütungsmitteln tabu sein, wie der Papst und manche Kirchenbanken sagen, oder sind sie als besonders nachhaltig einzustufen, weil sie insbesondere in Entwicklungsländern ein wirksames Mittel im Kampf gegen Übervölkerung, Armut und Aids sind?

Bewertungen solcher Fragen sind heikel und gebieten höchste Vorsicht. Hier zeigt sich der Wert solider Ratingagenturen – für Vermögensverwalter sowie letztlich auch für Anleger. Da Analysten unterschiedliche Schwerpunkte setzen und auch nicht alles wissen können, haben Ratings natürlich immer nur eine beschränkte Aussagekraft. Wichtig ist darum Transparenz. Anleger sollten erfahren, was Ratings, Publikumsfonds, Zertifikate und Vermögensverwaltungen unter Nachhaltigkeit verstehen und auf welchen Kriterien und Methoden sie basieren.

Transparenz auf dem Markt nachhaltiger Kapitalanlagen

Hier ist die nachhaltige Branche der konventionellen Finanzbranche meilenweit voraus. Schon 2004 haben sich führende europäische Research- und Ratinghäuser für Nachhaltigkeit zu zehn weit reichenden, von der EU-Kommission unterstützten Qualitätsprinzipien, Transparenz und externe Kontrolle verpflichtet. Überdies verpflichtete sich auch die nachhaltige Fondsbranche in einem Transparenzkodex zur Offenheit – was man bei der konventionellen Branche vermisst.

Trotz der Standards von Ratingagenturen und Investmentfondsanbietern wird es auch künftig keinen vollständigen Durchblick geben. Aber das ist auch nicht erforderlich. Es wäre nicht sinnvoll, sondern kontraproduktiv, die Kriterien und Methoden völlig zu harmonisieren. Denn Großinvestoren wie Privatanleger verstehen unter Nachhaltigkeit recht unterschiedliche Dinge und setzen verschiedene Prioritäten. Manchen kommt es auf Ressourcen- und Umweltschutz an, anderen auf gute Arbeitsbedingungen und Achtung der Menschen- und Arbeitsrechte in Unternehmen und ihren Zulieferern. Wieder anderen ist gezielte Armutsbekämpfung wichtig.

Durch die Verschiedenheit der Konzepte können sich Anleger je nach ihren Interessen und Bedürfnissen an einer der Methoden orientieren. Zum Vergleich: Im jedem Supermarkt gibt es unzählige Yogurth-Sorten, obwohl dafür jeweils nur wenig Inhaltsstoffe nötig sind – wie viel mehr Nachhaltigkeitsansätze muss es also angesichts der Vielzahl und Komplexität der hierbei zu beachtenden Aspekte geben!

Allerdings gibt es Trittbrettfahrer unter den Anbietern, die mit einem Bruchteil des verwalteten Vermögens oder wenig überzeugenden Produkten und fragwürdiger Werbung auf der grünen Welle mitreiten wollen.
Investoren sollten darauf achten, ob auch Nachhaltigkeit drin ist, wo’s drauf steht. Das verlangt zuallererst, sich die eigenen öko-sozialen Prioritäten bewusst zu machen. Sie sollten sich die Zeit nehmen, sich damit zu befassen – beim Kauf eines Autos oder eines Hauses nimmt man sie sich schließlich auch.

Für Vielfalt spricht ein weiteres Argument: Der Wettbewerb von Ratingagenturen sowie Index- und Produktanbietern stimuliert eine Weiterentwicklung, Verfeinerung und Verbesserung der Methoden. Hier gilt dasselbe wie für den gesamten Finanzmarkt, der im Vergleich zum Nachhaltigkeitssegment viel undurchschaubarer ist. Es ist nicht einzusehen, warum es ausgerechnet im Nachhaltigkeitssegment zu einer starken Harmonisierung kommen soll.

Eine gewisse Harmonisierung ist allerdings sinnvoll und dafür sorgt der Wettbewerb, der zu einer Konsolidierung bei Researchanbietern
und Kriterienzahl führt. So haben viele Agenturen die Kriterienzahl verringert und Kriterien aufgenommen, die mehr zum Kerngeschäft aussagen. Viele gewichten Kernkriterien stärker und erhöhen die Anforderungen. Diese Änderungen erschweren in manchen Fällen allerdings den Vergleich der Ratings aus mehreren Jahren von einer Agentur. Agenturen müssen Änderungen gut begründen, sonst wirken sie willkürlich.

Einheitliche Bewertungen wären kontraproduktiv

Eine totale Vereinheitlichung von Nachhaltigkeitskriterien wäre kontraproduktiv. Was würde es nutzen, wenn sich ein Fonds nur dann mit dem Zusatz „Nachhaltigkeit“ schmücken dürfte, wenn er ausschließlich in nachhaltige Unternehmen investiert? Unternehmen also, deren gesamte Produkte und Dienstleistungen einer ökologisch und sozial verträglichen Entwicklung dienen. Eine Fokussierung darauf würde lediglich einen Nischenmarkt unter den Anlegern bedienen und zusätzlich würden Anleger damit nur in die ohnehin überzeugten Unternehmen investieren. Sie hätten zwar ein gutes Gewissen, würden aber nicht die Welt verbessern und nicht zumindest einen Teil der restlichen Wirtschaft zu nachhaltigem Wirtschaften bewegen.

Die Masse der Wirtschaft würde nicht erreicht. Konzerne und Mittelständler und indirekt alle kleineren (Zuliefer-)Betriebe würden nicht unter Druck gesetzt, Strategien und Managementsysteme zu entwickeln, um ihr Kerngeschäft nachhaltiger als bisher zu betreiben. Sie könnten weiter Raubbau an der Umwelt und den natürlichen Ressourcen betreiben und zulassen, dass Zulieferer in Schwellen- und Entwicklungsländern Menschenrechte missachten und Belegschaften unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten.

Investoren sollten folglich die ihnen verfügbaren Hebel nutzen, um – wenn auch langsam – die globalisierte Welt zu einer umwelt- und sozialverträglicheren Wirtschaftsweise zu bewegen. Nur wenn Anleger, insbesondere Großinvestoren, wenigstens auf einigen Feldern richtig Druck ausüben, bewegt sich was. Es ist zu akzeptieren, dass sie ihr Kapital - vielfach schon aus rechtlichen Gründen - breit und auf alle Branchen streuen müssen. Aber nur wenn kapitalkräftige Geldgeber die Schwergewichte der Wirtschaft zur Verantwortung ziehen und sich die Unternehmen ihrer unternehmerischen Verantwortung stellen, wird die Welt nachhaltiger.

Breite Wirkung

Ein Beispiel: Wenn Konzerne Klimastrategien entwickeln und ihre direkten und indirekten Emissionen drastisch senken, ist das ein größerer Beitrag zum Klimaschutz, als wenn ein kleines Ökounternehmen das tut. Analog ist die Wirkung eines Dow Jones Sustainability Index darum wesentlich breiter als die eines sehr spezialisierten Indexes wie etwa dem Naturaktienindex, der sehr strenge Nachhaltigkeitsmaßstäbe hat und über dessen Zusammensetzung ein hochqualifizierter Anlageausschuss auf Basis von Informationen der Agentur Inrate entscheidet. Beide Ansätze und Vorgehensweisen haben ihre Existenzberechtigung.

Selbst wenn Nachhaltigkeitsratings nie perfekt sind, sind sie für Investoren eine unerlässliche Informationsquelle. Überdies sollten Anleger das Risiko prinzipiell streuen - darum ist es gut, dass sie ihr Portfolio auf mehrere Nachhaltigkeitskonzepte stützen können. Bei allen wirken sie nicht nur durch Anlageentscheidung auf die Unternehmen, sondern indirekt über die Ratings. Denn die Analysten geben den Firmen Anregungen für Verbesserungen und viele Unternehmen greifen sie auf, um in Ratings gut abzuschneiden. Nur dann kommen sie in nachhaltige Indizes und Fonds, verbessern ihre Reputation und binden treue Aktionäre an sich. Wenn Ratings helfen, Umweltschutz und Sozialverträglichkeit ins Eigeninteresse der konventionellen Wirtschaft zu rücken, ist viel gewonnen.

Trotz aller Kritik sind die methodischen Unterschiede gerechtfertigt, denn viele Wege führen nach Rom. Mit Ratings ist es wie mit Ökosystemen: nicht kleine Nischen, sondern ein enormer Artenreichtum sorgt dafür, dass ein Ökosystem funktioniert. Und nur durch eine Vielfalt von Ratings und entsprechenden Anlagekonzepten können die verschieden Investorengruppen erreicht werden. Nur dann kann sich die Macht der Anleger zugunsten einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise entfalten.

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Letzte Aktualisierung

18.11.2015 10:33

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