Gründe warum wir Wachstum „angeblich“ brauchen

In vielen politischen Vereinbarungen wird Wirtschaftswachstum als zentrale Lösung für soziale, ökonomische aber auch gewisse ökologische Probleme gesehen. Wachstum gilt als geeignet, unerwünschte Nebeneffekte einer marktwirtschaftlichen Ordnung (zB. Wettbewerbs- und Leistungsdruck, Einkommens- und Vermögenskonzentration etc.) einzudämmen. Unter anderem werden folgende Argumente für die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums angeführt:

Wachstum erhöht den Wohlstand (das verfügbare Einkommen)
Reales BIP Wachstum bedeutet, dass der Wert der Produktion von Gütern und Dienstleistungen in einem Land steigt. Durch Wachstum können Menschen ihre materiellen Bedürfnisse besser stillen. Materielle Güter sind unverzichtbar für Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen und sind entscheidend für das physiologische Wohlbefinden der Menschen. Aufbauend auf der Grundannahme, dass Menschen ihren Nutzen erhöhen, indem sie ihren Konsum erhöhen, ist eine Steigerung des verfügbaren Einkommens bzw. des BIPs pro Kopf für Mainstream ÖkonomInnen ein attraktives Ziel. Die Grundidee ist: je höher das BIP, desto besser geht es den BewohnerInnen eines Landes, zumindest was den ökonomischen Wohlstand betrifft. Forschungen zu Lebensqualität und Wohlbefinden zeigen jedoch, dass ab einer gewissen Schwelle an ökonomischen Wohlstand – die ca. bei der Hälfte des Pro-Kopf-Einkommens heutiger reicher Industrieländer liegt – Wirtschaftswachstum nicht oder nur kaum zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt.

Wachstum erhöht die Beschäftigung und senkt Arbeitslosigkeit
Wirtschaftswachstum ist entscheidend für Beschäftigung und Arbeitslosigkeit. Dieser ökonomische Grundsatz ist auch in der Politik stark vertreten. So ist Beschäftigung das erste der fünf Kernziele der europäischen Wachstumsstrategie „Europa 2020“. Die Verbindung zwischen Wachstum und Beschäftigung lässt sich durch ökonomische Faktoren beschreiben: Beschäftigung steigt, wenn das Wirtschaftswachstum höher ist als die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Die Arbeitsproduktivität steigt, wenn derselbe Output mit weniger Arbeitsstunden erreicht werden kann. Die Arbeitslosigkeit ist weniger stark vom Wirtschaftswachstum beeinflusst als die Beschäftigung. Hier spielen Arbeitsmarktpolitik und demografische Einflüsse eine große Rolle. Sowohl für Beschäftigung als auch für Arbeitslosigkeit gilt, dass der Arbeitsmarkt eine sehr komplexe Institution ist und von vielen Variablen beeinflusst wird, Wirtschaftswachstum ist nur eine davon.

Wachstum erhöht Produktivität und verschafft einen Vorsprung im Systemwettbewerb
Wirtschaftswachstum ist ein wichtiger Motor für technischen Fortschritt. Oftmals wird argumentiert, dass Wirtschaftswachstum auf Grund von steigenden Skalenerträgen zu höherer Produktivität (von Kapital, Arbeit und Ressourcen) führt.

Eine Spezialisierung auf die Produktion von Exportgütern, zum Beispiel, kann die Produktivität wie auch das Qualifikationsniveau im Exportsektor erhöhen. Das kann dazu führen, dass Ressourcen von weniger effizienten Sektoren in den Exportsektor fließen. Dadurch sinken die Preise, die Güter werden konkurrenzfähiger und der Export steigt. Somit kann Produktivitätssteigerung auch zu Wirtschaftswachstum führen.
Bezogen auf die Arbeitsproduktivität gibt es je nach Branche unterschiedliche Ansichten. Während es in Branchen, wie dem produzierenden Gewerbe erstrebenswert ist, die Arbeitsproduktivität (und somit auch die Qualität des Wirtschaftsstandorts) zu erhöhen, wird die Qualität in anderen Branchen wie z.B. bei arbeitsintensiven Dienstleistungen eher steigen, wenn die Arbeitsproduktivität nicht erhöht wird. Dieses Problem wird unter dem Begriff „divergierende Produktivität“ zusammengefasst. Personennahe Dienstleistungen lassen sich nicht im selben Maße wie die Produktion von Gütern oder IKT-intensiven Dienstleistungsindustrien (Banken, Versicherungen, Kommunikationsdienstleister) rationalisieren. Standardisierung und Technik können keine dauerhaften Produktivitätssteigerungen bei Unterricht in Schulen, Pflege, Arztbesuche oder Orchestermusik auslösen.

Wachstum ermöglicht Investitionen in Umweltschutz
Innovationen sollen zu einem “Decoupling”, einer Entkopplung von Wachstum und Umweltverschmutzung bzw. dem Ressourcenverbrauch führen. In einkommensschwachen Ländern verursacht wirtschaftliche Tätigkeit meist beträchtliche Umweltschäden, vor allem, wenn deren Entwicklungsstrategie auf den Abbau und den Handel von natürlichen Ressourcen basiert. Andererseits wird behauptet, dass in Industrieländern der Verschmutzungsgrad mit steigendem Einkommen sinkt, weil diese Länder in Umweltschutzmaßnahmen investieren können. Dieser Zusammenhang ist unter der „Environmental Kuznets Curve“ (EKC) bekannt. Die EKC Hypothese besagt, dass die Umweltverschmutzung in einer entwickelnden Volkswirtschaft zunächst bis zu einem Gipfel ansteigt, um dann, nachdem ein bestimmtes Durchschnittseinkommen erreicht ist, wieder abzunehmen. Ergebnisse von empirischen Untersuchungen zeigen jedoch, dass dieser Zusammenhang nur in wenigen Fällen zutrifft.

Wachstum erleichtert die Bedienung von Staatsschulden und die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme
Wenn das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, steigen die Steuereinnahmen der öffentlichen Hand überproportional, weil die meisten Steuersysteme progressiv gestaltet sind. Außerdem sind bestimmte Ausgaben wie Zuschüsse zur Arbeitslosenversicherung nicht notwendig, wenn hohe Wachstumsraten zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit führen. Da somit in Zeiten von hohem Wirtschaftswachstum tendenziell die Staatseinnahmen erhöht und die Staatsausgaben reduziert werden, fällt es Regierungen leichter, öffentliche Dienstleistungen wie Gesundheitswesen, Bildungswesen und Pensionssysteme bereitzustellen oder auszubauen ohne auf Steuererhöhungen oder weitere Kredite zurückgreifen zu müssen.

Des Weiteren ist besonders in den letzten Jahren die Bedeutung von Wirtschaftswachstum für die Bedienung der Staatsschulden gestiegen. Zinsen und Kredite können nur bei steigenden öffentlichen Einnahmen zurückgezahlt werden.

Regierungen haben jedoch einen flexiblen Handlungsspielraum, um die Abhängigkeit der Leistungen der öffentlichen Hand vom Wirtschaftswachstum zu verringern. So können gewisse Ausgaben (wie zB. für Militär oder nukleare Forschung) reduziert, Steuersysteme nachhaltiger gestaltet (z.B. durch Umschichtung der Steuerlast von Arbeit auf Umwelt- und Ressourcenverbrauch im Rahmen einer ökologischen Fiskalreform) oder große Reformen wie zB. Pensionssystemreform oder Gesundheitswesenreform angegangen werden.

Wachstum entschärft Verteilungskonflikte und verringert Armut
Eines der wichtigsten Argumente für Wirtschaftswachstum baut darauf auf, dass es bei wachsendem Wohlstand auch mehr zu verteilen gibt. Hinter dieser These liegt die „Trickle-down-Theorie“, die auf der Idee basiert, dass die Früchte des Wirtschaftswachstums nach und nach von den Reicheren zu den Ärmeren durchsickern. Wenn mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden, kann ein größerer Kuchen an verfügbaren Einkommen verteilt werden. Ärmere, benachteilige Gruppen können so besser gestellt werden, ohne andere schlechter zu stellen: verteilt wird eben nur der Zuwachs. Dem ist entgegen zu halten, dass sich trotz steigenden Wohlstands die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren weiter vergrößert hat. Die „Trickle-down-Theorie“ wird stark angezweifelt. Umverteilung und Armutsbekämpfung erscheinen aus dieser Sicht eine vom Wirtschaftswachstum unabhängige Aufgabe.

Wachstum wird als Fortschritt wahrgenommen
Wirtschaftswachstum gilt für manche als Synonym für Fortschritt. Der Grund liegt darin, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Indikator für Fortschritt verwendet wird. Dieses Konzept hat in den der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gut funktioniert. Da Wirtschaftswachstum heute jedoch zu beträchtlichen ökologischen und sozialen Nebeneffekten wie Umweltzerstörung oder psychischen Belastungen wie Burn-Out führt, wird das BIP als Fortschrittsmesser immer mehr in Frage gestellt. Seit den 70er Jahren entwerfen WissenschafterInnen deshalb alternative Indikatoren zur Wohlstandsmessung (siehe Indikatoren).



Dokumente
"Wachstum im Wandel" Dossier

Interne Links
Externe Links
Hinterberger, F., Pirgmaier E., Stocker, A., Ax, C. (2012): Policy Paper 3: Wachstum und Beschäftigung. Welche Spielräume hat Beschäftigungspolitik unter den Bedingungen unsicherer Wachstumsprognosen und wie kann Beschäftigungspolitik zu mehr Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft beitragen?
Hinterberger, F. et al. (2012): Policy Paper 2: Wachstum und Staatsausgaben. Welche Spielräume hat staatliche Ausgabenpolitik unter den Bedingungen unsicherer Wachstumsprognosen und wie kann sie zu mehr Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft beitragen?

Literaturhinweise
  • Pirgmaier, E. und Hinterberger, F. (2012): What kind of growth is sustainable? A presentation of arguments. In: Hinterberger, F., Pirgmaier, E., Freytag, E., Schuster, M. (Hrsg.): growth in transition. Earthscan, New York.
  • Seidl, I., Zahrnt, A. (2010): Argumente für einen Abschied vom Paradigma des Wirtschaftswachstums. In: Seidl, I., Zahrnt, A. (Hrsg.): Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft. Metropolis Verlag, Marburg.
  • Hinterberger, F., Hutterer, H., Omann, I., Pirgmaier, E., Giljum, S.; Stocker, A., Teufel, A. (2009): Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium. Mandelbaum Verlag, Wien.

Schlagworte

Wachstum, Wachstumsdebatte

Letzte Aktualisierung

14.10.2015 10:58

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