Warum Wachstum problematisch ist

Wirtschaftswachstum verursacht neben ökologischen auch soziale und ökonomische Probleme. In der Folge werden negative Wachstumsaspekte betreffend Konsum, Arbeit, technischer Fortschritt, Umwelt, Kapitalbildung, Ungleichheit und Entwicklung behandelt.

Wirtschaftswachstum führt zu Überkonsum, ohne dabei das individuelle und gesamte Wohlbefinden zu steigern
Wirtschaftswachstum hat zu einer Steigerung von Wohlstand geführt, die damit einhergehende Zunahme an materiellen Werten und Zielen hat jedoch auch negative Effekte. Moderne Lebensstile sind von einem Konsumniveau geprägt, das oft weit über der Erfüllung der Grundbedürfnisse liegt.

Umfangreiche empirische Studien in den Industrieländern zeigen, dass die großen Zuwächse an Wirtschaftswachstum und Konsum seit den 1960ern nicht mit einer Steigerung der Lebensqualität einhergehen. Wirtschaftswachstum und Überkonsum führen nicht notwendigerweise zu gesteigertem individuellem und gesamtem Wohlbefinden.

Materielle Güter nehmen eine zentrale Rolle bei der Kommunikation von Status, gesellschaftlicher Zuordnung, Identifikation und dem sozialem Vergleich ein. Je eher Menschen von der Konsum- und Statusspirale ermutigt werden, materiellen Zielen wie Geld, Ruhm, Wettbewerb oder Popularität hinterherzulaufen, desto geringer wird ihr Niveau an Glück und Zufriedenheit und desto eher werden sie von Depressionen und Angst betroffen sein.

Materielle Werte untergraben jedoch nicht nur das eigene Wohlbefinden sondern beeinflussen auch Glück, Zufriedenheit und Gesundheit von anderen. Eine Gesellschaft als Ganzes kann darunter leiden, wenn Entscheidungsträger andere nach ihrem materiellen Wertmaßstab fördern und beurteilen.

Dies zeigt, dass ein Wachstum an materiellen Gütern nicht notwendigerweise zu einem Wachstum des Wohlbefindens führen muss.

Wirtschaftswachstum führt zu einer Erhöhung der Arbeitsgeschwindigkeit und des damit einhergehenden Stresslevels
Einer der wichtigsten Treiber von Wirtschaftswachstum ist die Steigerung der Produktivität. Ein Ansteigen der Arbeitsproduktivität bedeutet oftmals eine Intensivierung der Arbeit – mehr in weniger Zeit schaffen – und ein höherer arbeitsbezogener Stress. Stress führt nicht nur zu physischen Gesundheitsproblemen wie Kopfschmerzen, erhöhtem Blutdruck und Herzattacken sondern auch zu psychischen Krankheiten wie Depressionen und Burnout sowie allgemein zu geringerer Lebenszufriedenheit.

Die Veränderung der Arbeitsbeziehungen in den letzten Jahren hin zu mehr Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Werkverträgen oder schlecht bezahlter Arbeit tragen auch dazu bei, dass das Wohlbefinden negativ durch den Faktor Arbeit beeinflusst wird. Es ist fraglich bis zu welchem Grad und unter welchen Umständen Jobwachstum unter flexiblen Bedingungen wünschenswert ist.

Bei der Betrachtung von Wirtschaftswachstum unter dem Aspekt Arbeit muss nicht nur bedacht werden, dass Wirtschaftswachstum unsere Arbeitszeit beschleunigt, sondern auch, dass Wirtschaftswachstum allein nicht zur Lösung von Arbeitslosigkeit führt.

Wirtschaftswachstum fördert technischen Fortschritt, dieser kann aber auch negative Folgen haben
Wirtschaftswachstum hat über die letzten Jahrzehnte zu bemerkenswertem technischen Fortschritt geführt, der eine effizientere Nutzung von Ressourcen und Energie ermöglicht. Produktivitätssteigerungen führen jedoch auch zum Reboundeffekt, d. h. dass Einsparungen in Energie und Material auf Grund von Effizienzsteigerungen durch einen quantitativ höheren Konsum überkompensiert werden und somit durch den höheren Verbrauch wiederum negative Umweltfolgen haben können.

Des Weiteren gibt es neue Technologien, die nicht nur die erhofften Vorteile sondern auch bedrohliche Risiken mit sich bringen. Die Nuklearenergie, die zu katastrophalen Unfällen wie jenen in Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 führten, ist ein Beispiel dafür. Ein weiteres ist die Gentechnik, die hohe potenzielle Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltrisiken aufweist und deren Einsatz zu einer erhöhten Verwendung von Pestiziden führt sowie biologische und konventionelle Kulturen verunreinigt. Oftmals können Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen mit diesen technologischen Entwicklungen nicht Schritt halten.

Da technischer Fortschritt als wesentlicher Treiber für Wirtschaftswachstum gebraucht wird, kann der Eindruck entstehen, dass mögliche negative Folgen der neuen Technologien nicht sorgfältig genug betrachtet werden.

Wirtschaftswachstum trägt zu Umweltzerstörung bei
Wirtschaftswachstum ist der Haupttreiber für globale Umweltveränderungen, weil es direkt mit einem Anstieg im Abbau von natürlichen Ressourcen korreliert und im Wirtschaftsprozess zusätzlicher Abfall und zusätzliche Verschmutzung entstehen. In den letzten Jahren sind diese Umweltveränderungen immer dramatischer geworden: Klimaveränderung, Verwüstung, Artensterben, Beeinträchtigung der Assimilations- und Regenerationsfähigkeit der natürlichen Systeme und der Abbau der nicht-erneuerbaren Ressourcen. Diese Veränderungen entstehen nicht durch natürliche Prozesse sondern durch menschliche Aktivität. Weitere Konsequenzen sind Hunger, Armut, steigende Verteilungsungerechtigkeit und Massenwanderbewegungen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigt sich die Transformation der Umwelt dramatisch und zeigt sich heute als eine substanzielle Bedrohung für die Basis unserer Lebensqualität.

Wirtschaftswachstum kann negative Folgen für Kapitalbildung haben
Bei einer ganzheitlichen Betrachtung aller Aktivitäten des Menschen werden fünf Kapitalformen unterschieden: Naturkapital, Sozialkapital, Humankapital, Finanzkapital und Sachkapital. In den letzten Jahrzehnten hat Wirtschaftswachstum zu einer Zunahme von Sach- und Finanzkapital geführt, während das Naturkapital abgenommen hat.

Der ökonomische Mainstream geht von einer Substituierbarkeit zwischen den einzelnen Kapitalarten aus. So soll der Abbau der natürlichen Ressourcen durch Investition in Finanzkapital ausgleichbar sein. Das dahinterliegende Paradigma heißt „schwache Nachhaltigkeit“ AnhängerInnen des „starken Nachhaltigkeitsparadigmas“ lehnen die These ab, dass Kapital ein Substitut für die zahlreichen Funktionen und Leistungen der Natur sein kann. So kann der Kohlenstoffkreislauf als Ökosystemleistung nicht vom Menschen dupliziert werden.

Des Weiteren existieren Grenzen und Schwellen für den Abbau von Naturkapital, deren Überschreiten massive Folgen haben. Für ein stabiles ökonomisches System ist es wichtig, dass sich einzelne Kapitalarten nicht auf Kosten anderer Kapitalarten über eine gewisse Schwelle hinaus ausweiten.

Wachstumsstrategien verstärken Ungleichheit
Die seit den 1980er Jahren verfolgten neoliberalen Wachstumsstrategien sind ein entscheidender Grund dafür, warum Themen wie Ungleichheit, Verteilung und soziale Gerechtigkeit in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben.

Die globale Ungerechtigkeit kann am globalen Ressourcenverbrauch abgelesen werden. EuropäerInnen konsumieren dreimal so viele Ressourcen wie Menschen in Asien und viermal so viele wie die afrikanische Bevölkerung. Einkommen ist eine weitere relevante Dimension von Ungleichheit. 2,5 Milliarden Menschen leben von weniger als 2 Dollar am Tag.

Aber auch die relative Einkommensverteilung hat sich verschlechtert. Eine vergleichende Studie von Weltbankökonom Branco Milanovic (2005) über 100 Länder zeigt, dass die ärmsten 5 % der Weltbevölkerung 25 % ihres realen Einkommens in den letzten Jahren verloren, während die reichsten 5 % der Weltbevölkerung 12 % gewonnen haben.

BIP-Wachstum als Hauptziel der Makroökonomie gefährdet Entwicklung
Der meistgenutzte ökonomische Indikator zur Bewertung eines Landes ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Seine Bedeutung hat sich von einer Maßzahl für die wirtschaftliche Produktion am ökonomischen Markt hin zu einem wichtigen Indikator dafür, wie gut sich eine Gesellschaft entwickelt, gewandelt, obwohl das BIP nie als Indikator zur Messung von Wohlbefinden gedacht war (siehe Kritik am BIP).

Heute gibt es einen Konsens darüber, dass das BIP-Wachstum nicht gleichbedeutend mit einer Steigerung an Lebensqualität ist. Das Hauptproblem ist, dass eine Überbetonung des BIP-Wachstums als politisches und makroökonomisches Ziel, sozioökonomische und nachhaltige Ziele untergräbt und von entscheidenden Problemen der heutigen Zeit ablenkt (siehe neue Formen der Messung von Wohlstand und Fortschritt).



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"Wachstum im Wandel" Dossier

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Literaturhinweise
  • Hamilton, C. (2004): Growth Fetish. Pluto Press, London.
  • Pirgmaier, E. und Hinterberger, F. (2012): What kind of growth is sustainable? A presentation of arguments. In: Hinterberger, F., Pirgmaier, E., Freytag, E., Schuster, M. (Hrsg.): growth in transition. Earthscan, New York.
  • Jackson, T. (2009): Prosperity without Growth. Earthscan, London.
  • Kasser, T. (2002): The high price of materialism. MIT Press, Cambridge, MA.
  • Layard, R. (2005): Happiness. Lessons from a New Science. The Penguin Press, London.
  • Milanovic, B. (2005): Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality. Princeton University Press, Princeton.
  • UNEP (2007): Global Environmental Outlook 4. United Nations Environment Programme, Nairobi.
  • SERI, GLOBAL 2000 und Friends of the Earth Europe (2009): Overconsumption? Our use of the world‘s natural resources. Wien, Brüssel.
  • Ravallion, M. und Chen, S. (2008): The developing world is poorer than we thought, but no less successful in the fight against poverty. World Bank Working Paper, Vol 8.

Schlagworte

Wachstum, Wachstumsdebatte

Letzte Aktualisierung

30.09.2015 09:28

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