Stadt-Land-Verflechtungen

Einleitung
An der Schnittstelle von städtisch und ländlich geprägten Räumen überschneiden sich Landnutzungsansprüche und daraus resultierende Veränderungen in besonders intensiver Weise. Dabei sind einige dieser Verflechtungsbeziehungen seit langer Zeit bekannt, darunter Pendlerströme und Wanderungsbewegungen im Zuge von Wohnortwechseln. Diese Verflechtungen werden jedoch zunehmend komplexer in ihrer Ausprägung und ihren räumlichen Auswirkungen, und machen eine stärkere Koordination von Stadt-Land-Regionen, v.a. im Hinblick auf die Landnutzungsbedarfe von Siedlungs- und Verkehrsentwicklung, Erholungsfunktionen, ökologischen Ausgleichsräumen und der Produktion von Gütern, Energie und Dienstleistungen, erforderlich. Dies stellt die Frage nach geeigneten Steuerungsansätzen für eine integrierte Betrachtung von Landnutzungsansprüchen in diesen Funktionsräumen.

Landnutzungsansprüche im Stadt-Land-Verbund
An der Schnittstelle Stadt-Land greifen wesentliche Treiber des Landnutzungswandels in besonders intensiver Weise ineinander. Dazu zählen v.a. Klimawandel und Klimaanpassungsmaßnahmen, demographischer Wandel und Migrationsbewegungen sowie Konflikte durch Landnutzungsansprüche aus Siedlung, Verkehr, Nahrungsmittelproduktion und Produktion erneuerbarer Energien. Durch diese Treiber ausgelöste Landnutzungsansprüche üben von beiden Seiten Druck auf die Landnutzung aus und rufen Konflikte um die zur Verfügung stehenden Nutzungskapazitäten hervor. Strategien und Ansätze einer nachhaltigen Raumentwicklung und eines nachhaltigen Landmanagements betrachten diese Verflechtungsräume daher als einen wichtigen Untersuchungs- und Gestaltungsraum.

Stadt vs. Land: Von separaten Teilräumen zum Kontinuum
Im allgemeinen Sprachgebrauch und auch in vielen wissenschaftlichen Betrachtungen des Themas ist eine Trennung von Stadt und Land in zwei separate Teilräume nach wie vor sehr präsent. Diese Konnotation geht zurück auf die mittelalterliche klare Trennung der Städte von dem sie umgebenden Land, etwa durch Stadtmauern, und die damit einhergehenden unterschiedlichen Funktionszuschreibungen. Sie setzt sich jedoch fort mit Typologien und Klassifizierungsansätzen (u.a. OECD, ESPON), die eine weiter diversifizierte Untergliederung in Teilräume vornehmen. Dass eine eindeutige Definition durch Abgrenzungskriterien so nicht möglich ist, zeigen jedoch die vielfältigen Verflechtungen und sich überschneidenden Funktionen, die nicht eindeutig einer Raumkategorie zugeordnet werden können. Dabei geht es auch um soziale Konstruktionen und in diesem Zusammenhang um Raumwahrnehmungen städtisch oder ländlich geprägter Regionen, und um ein Verständnis von Stadt und Land als Enden eines Kontinuums.

Dass urban-rurale Verflechtungsräume durch komplexe Wechselwirkungen geprägt sind, zeigt auch das Spektrum der Begriffe und Konzepte, die für diese Räume gebraucht werden: Neben Bezeichnungen, die bestimmte Raumabgrenzungen zugrunde legen, z.B. die rural-urbane Region (RUR) oder die funktionale Stadtregion, versuchen eine Reihe von Begriffen und Konzepten die in Stadt-Land-Regionen stattfindenden räumlichen Prozesse zu erfassen. Dazu zählen zunächst die Prozesse der Sub- und Periurbanisierung, die die räumliche Erweiterung und Ausdifferenzierung von Siedlungsmustern über die Stadtzentren hinaus beschreiben. Mit dem Begriff des „urban sprawl“ werden diese Prozesse gerade im internationalen Kontext oft bezeichnet, während der Begriff der „Zwischenstadt“ (Sieverts 1997) die Verwischung der Grenzen zwischen ‚Stadt‘ und ‚Land‘ anerkennt und eine Raumstruktur bezeichnet, die von offener Landschaft und Bebautem gleichermaßen geprägt wird.

Austauschbeziehungen und Wechselwirkungen
Wenige Untersuchungen haben sich bisher mit einer umfassenden Analyse der Wechselwirkungen und Austauschbeziehungen im Stadt-Land-Zusammenhang auseinandergesetzt. Eine Systematisierung nach Stead (2002) unterscheidet Ströme von Menschen, Material/Gütern, Kapital sowie Wissen/Ideen/Innovationen und bietet einen ersten Ansatz, Austauschprozesse in Stadt-Land-Zusammenhängen zu verstehen.
Dabei sind ‚klassische‘ Verflechtungen wie Pendlerströme und Wanderungsbewegungen im Zuge von Wohnortwechseln sowie Nahrungsmittelversorgung der Stadt durch das Umland bzw. die Bereitstellung von Dienstleistungen und Kulturangeboten in umgekehrter Richtung seit langem bekannt und analysiert worden. Diese Verflechtungen verändern sich jedoch sowohl hinsichtlich der Art, Intensität und Richtung und rufen dadurch weit komplexere Wirkungszusammenhänge hervor. So sind etwa Pendlerströme nicht nur von ländlichen in städtische Räume gerichtet, sondern auch in umgekehrter Richtung und zunehmend auch tangential gestaltet. Hinsichtlich agrarisch genutzter Flächen geht es nicht mehr nur um die Bereitstellung von Nahrungsmitteln für die Stadtbewohner, sondern auch um die Produktion erneuerbarer Energien, während zugleich auch auf städtischen Flächen Nahrungsmittel angebaut werden.

Die theoretische Analyse urban-ruraler Verflechtungen ist bisher vorrangig aus stark themenspezifischer (sektoraler) Perspektive erfolgt, und umfasst vor allem Zugänge aus dem Bereich der Geographie und Raumplanung, die sich mit der Analyse von Siedlungsmustern und räumlichen Entwicklungsprozessen befassen. Dabei geht es zunächst um Modelle, die die Kernstadt in den Fokus rücken und von dieser ausgehend Wechselbeziehungen beschreiben (z.B. Modell der Stadtregion nach Boustedt (1970), Stadtstrukturmodelle nach Burgess (1925)/Hoyt (1939)/Harris & Ullmann (1945)). Aus dem Bereich der Wirtschaftsgeographie und Regionalökonomie stammen Theorien, die die Standortverteilung wirtschaftlicher Aktivitäten, vor allem in Abhängigkeit von Transportkosten, erklären, sowie Agglomerations- und Ausgleichsprozesse (z.B. Zentrum-Peripherie-Modell nach Friedmann (1966)) erklären, während in neueren Diskursen Innovationsprozesse im Raum (z.B. Cluster (Porter 1993), Regionales Innovationssystem (Cooke 1998; Tödtling/Trippl 2005)) analysiert werden. Austauschbewegungen von Gütern und Dienstleistungen und deren Auswirkungen werden zum Teil über Stoffstromanalysen oder über den Ökologischen Fußabdruck abgebildet. Das Konzept des Urbanen Metabolismus (Wolman 1965) stellt einen Ansatz dar, Stoff- und Energieströme im Stadt-Land-Kontext im Sinne eines anthropogenen Ökosystems zu erfassen.

Bereiche, die bisher kaum in den Blick genommen wurden, für die räumlichen Effekte und Landnutzungsmuster von Stadt-Land-Verflechtungen aber von großer Bedeutung sein können, bestehen in der Abbildung differenzierter Energie- und Stoffströme sowie in Wissensströmen und deren räumlichen Auswirkungen und der Verortung von Innovationsprozessen.

Planung und Governance in Verflechtungsräumen
Aus Perspektive der Raumwissenschaft und Regionalplanung wurde eine integrierte Betrachtung von Stadt und Land schon früh, verstärkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, thematisiert. Zu ersten Beiträgen zu einem Verständnis dieser Raumzusammenhänge trugen Modelle der Stadtstruktur und aus planerischer Sicht z.B. Achsenkonzepte für Verdichtungsräume bei. Erste Ansätze, die Entwicklung dieser Verflechtungsräume stärker aufeinander abzustimmen, wurden mit stadtregionalen Verbänden und Stadt-Umland-Kooperationen unterschiedlicher Größenordnung geschaffen (siehe z.B. Überblicksdarstellung bei Priebs 2005). Meist waren diese aber bisher fokussiert auf Siedlungsentwicklung bzw. Flächenmanagement und klassische Fragen der Daseinsvorsorge.

Integrierte Ansätze für Stadt-Land-Regionen, die in planerischen und politischen Diskussionen und Dokumenten unterschiedlich bezeichnet werden (z.B. Stadt-(Um-)Land-Kooperationen, Metropolregionen) gewinnen in den letzten Jahren an Bedeutung (Priebs 2005; Beier/Matern 2007; BBSR/DV 2012): Weil Kompetenzen für die Raumplanung und daraus resultierende Governance-Strategien ebenso wie die einzelnen Fachpolitiken (u.a. Wasserpolitik, Agrarpolitik) an administrativen Grenzen ausgerichtet bzw. auf sektorale Interessen begrenzt sind, werden insbesondere in Verflechtungsräumen Koordinationsdefizite offensichtlich, die auch Barrieren für eine nachhaltige Entwicklung darstellen.

Neuere Ansätze stellen großräumige Stadt-Land-Partnerschaften (z.B. von 2008 bis 2011 gefördert über ein Modellvorhaben der Raumordnung MORO) und Metropolregionen auf deutscher und europäischer Ebene dar. In diesem Zusammenhang werden Governance-Strategien in funktionalen Zusammenhängen, d.h. die Bearbeitung von Sachfragen der Raumentwicklung unter Überschreitung administrativer Grenzen erprobt (informelle Instrumente der Raumentwicklung, soft spaces, variable Geometrie). Gleichzeitig stellen diese Ansätze einen Ausgangspunkt für Ansätze eines nachhaltigen Landmanagements dar: So werden in Verflechtungsräumen an der Schnittstelle Stadt-Land Wege aufgezeigt, die sektorale Trennung von Zuständigkeitsbereichen zu überwinden, indem etwa Fragen der landwirtschaftlichen Nutzung im Zusammenhang mit Fragen des Wassermanagements und der Bereitstellung erneuerbarer Energien bearbeitet werden. Neben solch fachübergreifenden Ansätzen erfordert die integrierte Betrachtung von Fragen der Landnutzung insbesondere in Verflechtungsräumen auch die Verknüpfung von Aspekten der Planung und Raumentwicklung auf den beteiligten räumlichen bzw. administrativen Ebenen, um den funktionalen Zusammenhängen in diesen Räumen gerecht zu werden.


Dokumente
Repp, A.; Zscheischler, J.; Weith, Th.; Strauß, C.; Gaasch, N. & Müller, K. (2012): Urban-rurale Verflechtungen. Analytische Zugänge und Governance-Diskurs (Reihe Diskussionspapiere zum Nachhaltigen Landmanagement, Nr. 4)
BMVBS (2012): Stadt-Land-Partnerschaften. Wachstum und Innovation durch Kooperation.

Interne Links

Schlagworte

Stadtentwicklung, Stadtplanung

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:11

Diesen Artikel: