Rating der Ratingagenturen

Einleitung

Nachhaltigkeitsanalysen liefern je nach Methode sehr verschiedene Ergebnisse, die ökologisch, sozial und ethisch ausgerichtete Anleger irritieren können. Die Investorengruppe Cric fordert darum mehr Transparenz, klarere Abgrenzungen und „starke“ Nachhaltigkeitsansätze. Der britische Think Tank Sustainability hat ein Projekt zum Rating der Ratingagenturen aufgesetzt.

Bieten Unternehmen und ihre Zulieferer akzeptable Arbeitsbedingungen an allen Standorten? Senken Konzerne systematisch ihren Rohstoffverbrauch? Achten Staaten die Menschenrechte, verhindern sie Korruption und fördern sie Umweltschutz? Antworten auf derartige Fragen geben Research- und Ratingfirmen für Nachhaltigkeit, Indexanbieter oder spezialisierte Teams in Banken. Ihre Bewertungen sind jedoch sehr unterschiedlich, die Analysen oft nicht miteinander vergleichbar oder scheinbar widersprüchlich.

Gleichwohl ist es keinesfalls absurd, dass Anleger auf die Frage, ob ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, keine eindeutige Antwort bekommt. Denn es gibt nicht den allein selig machenden Weg zur Nachhaltigkeit und nicht nur ein einziges Ziel. Die Ziele und Notwendigkeiten einer nachhaltige Entwicklung hängen ab von geographischen, regionalen, ökologischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen. Überdies bestehen durchaus häufig Zielkonflikte.

Alle beteiligten Akteure sind darum auf der Suche – Researchanbieter genauso wie bewertete Unternehmen, Investoren, Politik und Gesellschaft. Bewertungen sind folglich Momentaufnahmen und Ratingkonzepte in ständiger Entwicklung begriffen, je nach Kenntnisstand, Erfahrungen und Erwartungen. Zwar arbeiten die Häuser methodisch oft ähnlich, die meisten filtern Vorreiter oder überzeugend handelnde Unternehmen und Staaten heraus. Doch sie verwenden sehr verschiedene Kriterienkataloge und gewichten Handlungsfelder und Indikatoren überaus unterschiedlich.

Investoren kommen nicht umhin, sich mit diesen Unterschieden zu befassen. Darum stellt das „Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments“ seit 2010 die Ansätze von Ratingagenturen, Indexanbietern und Vermögensverwaltern vor. Da sich die Konzepte verfeinern, neue methodische Ansätze entstehen und Analysten nicht alles wissen können, haben Ratings nur eine beschränkte Aussagekraft. Wichtig ist, dass Anleger erfahren, was die Akteure unter Nachhaltigkeit verstehen und welche Kriterien und Methoden sie verwenden. Die Branche ist hierbei dank selbst verordneter Qualitäts- und Transparenzstandards weiter, als die konventionelle Finanzbranche.

unterschiedliches Verständnis von "Nachhaltigkeit"
Gleichwohl mangelt es vielfach an Transparenz. Das kritisiert die Studie „Charakter, Qualität und Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsratings" für den Verein ethisch orientierter Investoren CRIC e.V.. Darin heißt es, Agenturen gelangten zwangsläufig zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, ob für sie Nachhaltigkeit ein Wert an sich sei (= ethisch-ökologisches Nachhaltigkeitsverständnis) oder die Nachhaltigkeitsbewertung eine Prognose zur Finanzperformance von Ratingobjekten untermauern solle (= ökonomischer Nachhaltigkeitsansatz). CRIC will aufzeigen, so Geschäftsführer Klaus Gabriel, dass unterschiedliche Zugänge und Ergebnisse bei Ratingprozessen legitim und sinnvoll sein können, so wie Investoren unterschiedliche Ethik- und Nachhaltigkeitsverständnisse haben, dass aber Ethik und Nachhaltigkeit keine beliebigen Begriffe sind.

„Der sehr beliebige Umgang mit dem Nachhaltigkeitsbegriff ist ein ganz schwerwiegendes Problem, wie die diametralen Ansätze und Bewertungsergebnisse von Nachhaltigkeitsratings zeigen“, bemängelt Mitautorin Claudia Döpfner, Mitglied der Projektgruppe Ethisch-Ökologisches Rating der Frankfurter Professoren Johannes Hoffmann und Gerhard Scherhorn. „Besonders kritisch einzuordnen sind zum einen die Agenturen, die unter einem wertorientierten Postulat nahezu völlige Intransparenz über zentrale Begriffe, Methodik und Bewertungsinhalte walten lassen und sich in besonderer Weise an Anleger mit einem hohen ethisch-ökologisches Verantwortungsbewusstsein wenden, wie kirchliche Anleger.“ Wenn überdies festgestellt werde, dass ein ethisch-ökologischer Ansatz im besten Fall ausschließlich nach formalen Kriterien vorliege, inhaltlich aber ohne Zweifel ökonomischen Präferenzen gefolgt werde, müsse die Kritik besonders deutlich ausfallen. Beide Kritikpunkte beziehen sich auf die italienische ECPI, einer Mischung zwischen Agentur, Indexanbieter und Asset Manager, bei denen unter anderem die Kirchenbanken Pax und Liga Kunden seien.

Problematisch sei, dass viele Agenturen kein eigenes Nachhaltigkeitsprofil hätten, sondern sich bei Kriterien und Bewertung ganz flexibel nach dem Nachhaltigkeitsverständnis der Kunden richteten. Kritisch sei, wenn ein klar ökonomischer Ansatz nicht transparent formuliert werde, so dass diese entscheidende Information für Außenstehende nur nach intensiver Recherche offen zu Tage trete.

Akteure hingegen, die wie der Vermögensverwalter SAM einem ökonomischen Ansatz verpflichtet seien und dies offen und gut nachvollziehbar kommunizierten, könnten nicht so einfach „verurteilt“ werden. Denn das derzeit gängige Verständnis von Nachhaltigkeit lasse diesen Ansatz zu, basiere es doch auf dem Drei-Säulen-Modell. Danach werden Ökologie, Soziales und Ökonomie als gleichrangig eingestuft, wodurch aber implizit die ökonomische Komponente bevorzugt werde.

Forderung nach mehr Transparenz
Wichtig sei folglich, mehr Transparenz herzustellen und die Agenturen deutlich dem ökonomischen oder dem ethisch-ökologischen Ansatz zuzuordnen oder speziellen Varianten. Die im Rahmen der Forschungsprojektgruppe Ethisch-Ökologisches Rating an der Universität Frankfurt erstellte Studie tat dies exemplarisch für fünf Akteure im deutschsprachigen Raum, deren Profile sie detailliert darstellt. Damit startete die Investorenvereinigung CRIC einen Dialog mit den Ratingagenturen über ihr jeweiliges Nachhaltigkeitsverständnis. „Mit unserer Engagementaktivität wollen wir sie motivieren, ihre Prozesse und Inhalte transparent zu kommunizieren und hinsichtlich einer starken Nachhaltigkeit und einer fundierten Ethik zu schärfen“, erklärt Geschäftsführer Klaus Gabriel. Die Investoren überlegen, wie sie Agenturen, die sich zwischen den konzeptionellen Polen bewegen – indem sie wie Inrate einen schwach ökonomischen Ansatz oder wie Sustainalytics einen abgeschwächten ethisch-ökologischen Ansatz verfolgen - wissenschaftlich unterstützen könnten, ihr Nachhaltigkeitsverständnis zugunsten eines stringenten ethisch-ökologischen Ansatzes – wie ihn laut der Studie Oekom Research verfolgt - zu überdenken. Dazu entwickelt der Verein ein wissenschaftliches Arbeitsformat unter dem Titel „CRIC-Tank“.

Schon jetzt sind heiße Diskussionen absehbar im Spannungsfeld wissenschaftlich untermauerter Wünsche und den Profilierungsbemühungen der Anbieter. Hier bahnt sich eine Grundsatzdiskussion an. Gängige Meinung ist, es gebe nicht eine Nachhaltigkeit, sondern verschiedene, teils konkurrierende Vorstellungen davon, die sich schon aufgrund kultureller Unterschiede ergeben. Die Autoren der Studie halten dagegen, es könne lediglich inhaltlich unterschiedliche Auffassungen geben über die Interpretation, wie die Entwicklung einer sozial und ökologisch zukunftsfähigen Marktwirtschaft am besten zu erreichen sei.

„In aller Radikalität auf Nachhaltigkeitsratings bezogen bedeutet es, dass nur ethisch-ökologisch orientierte Ansätze den Namen ´Nachhaltigkeitsratings´ verdienen, denn nur sie bewerten ‚Nachhaltigkeit’“, meint Döpfner. Ökonomische Nachhaltigkeitsratings müssten bei den klassischen Finanz- bzw. Bonitätsratings angesiedelt werden, wo sie inhaltlich hingehörten. „Der Markt wäre dann nicht weiter von einer Vielzahl von Agenturen ‚aufgebläht’, die lediglich dazu dienen, ethisch-ökologisch orientierte Rating-Anwender zu verunsichern“, folgert Döpfner.

Wertorientierte ethisch-ökologische Ansätze bilden verschiedenen Studien zufolge die Ausnahme. Dies sei ein großes Alarmsignal, wenn man Nachhaltigkeitsratings als einen maßgeblichen Beitrag zur Realisierung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise betrachte, warnt Doepfner: „Die meisten Anbieter sogenannter Nachhaltigkeitsratings verfolgen kein vorrangiges Interesse an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Marktwirtschaft, sondern ihre Analysen dienen – pointiert formuliert – letztendlich dazu, bestehende Zustände zu zementieren, d.h. im Dienste ungehemmter Kapitalvermehrung mittels Externalisierungen von Kosten den Wettbewerb zu verzerren und die Ausbeutung von Mensch und Natur weiter voranzutreiben.“

Die harsche Kritik und die Studie unterstellen, nur wertorientierte Nachhaltigkeitsratings stimulierten Unternehmen dazu, ihre ökologische und soziale Performance kontinuierlich zu steigern, und ermöglichten Investoren, Nachhaltigkeit in Anlageentscheidungen zu integrieren. Diese These verkennt, dass „Reinheitsansätze“ vorwiegend einen Nischenmarkt erreichen. Was würde es nutzen, dürften sich Konzepte nur dann mit dem Zusatz „Nachhaltigkeit“ schmücken, wenn sie ausschließlich in durchweg öko-sozial verträgliche Firmen investierten? Ethische Anleger hätten ein gutes Gewissen, würden jedoch nicht die Welt verbessern, sagen Nachhaltigkeitsexperten. Die Masse der globalisierten Wirtschaft würde nicht erreicht. Diese könnte weiter Raubbau an natürlichen Ressourcen betreiben und Belegschaften bei Zulieferern in Schwellenländern unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten lassen.

Ratingkonzepte mit ökonomischen Komponenten hingegen wecken auch das Interesse der Masse an konventionellen Investoren. Es ist zu akzeptieren, dass sie ihr Kapital – oft schon aus rechtlichen Gründen - breit auf alle Vermögensklassen und Branchen streuen müssen. Jedoch können viele große Geldgeber, die wichtige öko-soziale Aspekte in ihre Anlagestrategien integrieren, auf einigen Handlungsfeldern mehr bewegen, als eine kleine Schar kapitalkräftiger Idealisten es vermögen: Weil sie einen Leistungswettbewerb zwischen den Schwergewichten der Wirtschaft auslösen, die nach und nach auch ihre jeweiligen Zulieferer drängen müssen, ihr Kerngeschäft nachhaltiger als bisher zu betreiben. Es wäre nicht im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung, diesen Hebel einrosten zu lassen.

Gleichwohl sind die Thesen und Forderung von Cric nach einer klaren Abgrenzung sehr bedenkenswert. Wenn auch nach 20 Jahren von Nachhaltigkeitsratings unter den zehn Top-Titeln aller sogenannten nachhaltigen Fonds Konzerne sind, die wie Nestlé oder Shell höchst umstrittene Geschäftsaktivitäten haben, ist das schwer vermittelbar. „Ist das alles, was Best-in-Class-Ratings an Ergebnis erzielen? Ist es das, was wir wollten?“ fragte einmal mutig und nachdenklich Axel Wilhelm, Deutschlandchef von Sustainalytics. Unternehmen hätten deutliche Anstrengungen gemacht, aber die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit sei groß, der Problemlösungsbeitrag zu gering. Auch die Politik müsse ehrgeiziger sein. „Und die auf nachhaltige Investments spezialisierte Branche sollte höhere Ansprüche an sich selbst stellen, Ratings verbessern und noch stärker auf Performance achten.“

Darum fordert auch die britische Denkfabrik Sustainability seit 2010 mehr Transparenz und Qualitätskontrolle für Nachhaltigkeitsratings. In ihrem Projekt „Rate the Raters“ sondierte sie 2011 Entwicklungen in der Branche und rief alle Anbieter in der vierten Phase auf, bis April 2012 einen Fragenkatalog zu beantworten. Noch 2012 will Sustainability die Antworten analysieren und die Ergebnisse zu den Ratings veröffentlichen. In dem White Paper werde sie auch einen Expertenüberblick zur Glaubwürdigkeit von zentralen Nachhaltigkeitsratings geben, kündigte sie an.

Folgende Trends beschrieb der Thinktank in seinem Bericht von 2011:

  • Spezialisierung: Die Ratingagenturen machen heute alles aus einer Hand: Sie befragen Unternehmen nach eigenen Kriterien und Fragebögen und bereiten die Daten auf. Weil dieses Verfahren mit einem hohen Aufwand verbunden ist, wird es künftig mehr Spezialisten für die einzelnen Arbeitsschritte geben – für die Erfassung, Aufbereitung oder Interpretation der Daten sowie die Erstellung der Ratings.
  • Vorausschau: Die Nutzer von Ratings verlangen mehr Informationen über aufkommende Aspekte oder Trends. Dies ist schwierig für Ratingagenturen. Weil sie so aber den größten Mehrwert für die bewerteten Unternehmen, die Investoren und andere Abnehmer schaffen können, werden sie vorausschauende Aussagen in die Ratings einbeziehen. Auch prompte Antworten sind gewünscht: Kunden wollen sofort wissen, wie sich etwa eine neue Chemikalie auswirkt.
  • Konzentration: Bei der Firmenbewertung werden sich die Ratingagenturen künftig stärker auf zentrale Aspekte von Ethik, Risikomanagement oder guter Unternehmensführung konzentrieren. Die Frage des nachhaltigen ökonomischen Erfolgs wird eine größere Rolle spielen.
  • Transparenz: Werden Anbieter transparenter bei Fakten, Methoden, Resultaten, und möglichen Interessenskonflikten, vertrauen ihnen Investoren mehr. Wer offener agiere, könne mit steigender Nachfrage nach seinen Bewertungen rechnen.
Dokumente
Interne Links
Externe Links
CRIC
„CRIC-Tank“
„Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments“
Forschungsprojektgruppe Ethisch-Ökologisches Rating an der Universität Frankfurt
Think Tank Sustainability
Projekt „Rate the Raters“
Rate the Raters: Analyse
Bericht von 2011

Schlagworte

Drei-Säulen-Modell, Finanzen, Nachhaltigkeitsberichtserstattung, Ratingagentur, Transparenz

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:39

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