Ressourcengerechtigkeit

Einleitung

"Gerechtigkeit ist das Verständnis, das aus der andauernden Anstrengung entsteht, Ungerechtigkeit zu überwinden." So lautet die Definition von "Ressourcengerechtigkeit" des Wuppertal Instituts. Doch die meisten Theorien der Gerechtigkeit sind für nationalstaatlich verfasste Gesellschaften entwickelt worden. Das bedeutet, dass diesen Theorien eine territorial abgrenzbare Gesellschaft zugrunde gelegt wird, "deren Architektur durch den Staat garantiert wird und deren Mitglieder durch soziale Kooperation und gemeinsame Grundwerte zusammengehalten werden." (Wuppertal Institut 2005) Im Zuge der Globalisierung leben die Menschen jedoch immer weniger in geschlossenen Gesellschaften, sodass diese Theorien auf eine internationale Ebene erhoben werden müssen. Denn es entstehen immer mehr internationale Beziehungen, die aber auf einer gerechtigkeitsfreien Grundlage basieren. Daher sollte nicht nur die Nation als Gerechtigkeitsgemeinschaft (community of justice) geführt werden,sondern auch die Weltgesellschaft (d.h. eine Gemeinschaft des Rechtes, die alle Bewohner der Erde als Mitglieder ansieht).

Die vier Leitbilder der Ressourcengerechtigkeit

Für die Formulierung von Leitbildern der Gerechtigkeit, hat sich das Wuppertal Institut von den "Grundformen der Gerechtigkeit" von Aristoteles inspirieren lassen, die selbst vor dem Hintergrund der Globalisierung weiterhin gelten: Da wäre die absolute Gerechtigkeit, die Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva), die Tauschgerechtigkeit (iustitia commutativa) und schließlich die ausgleichende oder kompensatorische Gerechtigkeit (iustitia correctiva). Daraus hat das Wuppertal Institut vier Leitbilder der Ressourcengerechtigkeit abgeleitet: "Existenzrechte garantieren", " Ressourcenansprüche zurückbauen", "Austausch fair gestalten", "Nachteile kompensieren".

"Existenzrechte garantieren"
Existenzrechte bilden den elementarsten Teil der Menschenrechte, besonders im Bezug darauf, wie sie im internationalen Pakt für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte niedergelegt worden sind. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist in den Artikeln 1 und 3 folgendes verankert: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." (Artikel 1) und "Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person" (Artikel 3). Daher umfasst der Begriff "Existenzrechte" hauptsächlich das, was Personen allein zur ihrer physischen Entfaltung als Lebewesen brauchen: gesunde Luft und genießbares Wasser, elementare Gesundheitspflege, angemessene Nahrung, Bekleidung und Wohnung (Shue 1980).

Zur Sicherung der Existenzrechte, ist ein aktiver Schutz der natürlichen Ressourcen notwendig, da diese zum Lebensunterhalt beitragen. Dies bedeutet, dass der Umweltschutz mit dem Wunsch der Existenzsicherung sowie der Armutsbekämpfung einher geht. Denn gerade die arme Bevölkerung ist auf intakte Ökosysteme angewiesen, die unter anderem ihr Überleben sichern.Zerstört man nun diese Naturräume, werden ihre Existenzrechte untergraben.

Existenzrechte können in sogenannten versteckten Ressourcenkonflikten verletzt werden, wenn sie durch das Wirken von Institutionen vorenthalten oder durch Folgen von Umweltbelastungen in fernen Ländern untergraben werden. Die Einhaltung der Menschen- und Existenzrechte sollte daher nicht nur die Pflicht der Regierung gegenüber deren Bürgerinnen und Bürgern sein, sondern auch über die Staatsgrenzen hinweg,d.h. gegenüber der Bürger aus den fernen Ländern (Windfuhr 2005). Somit soll bei der Gestaltung der Innen- und Außenpolitik der Regierung darauf geachtet werden, dass die Existenzrechte von Bürgern im Ausland nicht gefährdet werden.

" Ressourcenansprüche zurückbauen"
Von den Existenzrechten lässt sich eine Grundregel der Verteilungsgerechtigkeit ableiten, die dem Kern des zweiten Leitbilds der Ressourcengerechtigkeit entspricht. Demzufolge sind die Ressourcen so zu verteilen, dass die Vielverbraucher nicht die Existenzechte der Armen untergraben. Dafür müssen die Länder, in denen es eine hohe Nachfrage an Naturressourcen gibt, ihre Mengen an Ressourcenverbrauch reduzieren. Denn nur mithilfe einer radikalen Dematerialisierung der Produktions- und Konsummuster der wohlhabenden Länder kann eine menschenrechtsfähige Gesellschaft entstehen.

Doch werden sich Konflikte um das Menschenrecht auf eine intakte Umwelt nur entschärfen lassen, wenn die globale Klasse der Hochverbraucher ihre Nachfrage nach Naturressourcen – vor allem nach Naturressourcen jenseits ihrer Grenzen – zurückbaut. Erst wenn der Wasserdurst von Export-Landwirtschaft und Industrie abklingt, bleibt genügend Grundwasser für Trinkwasserbrunnen in den Dörfern; erst wenn insgesamt die exzessive Verbrennung fossiler Stoffe beendet wird, sind die Existenzrechte der Armen nicht mehr vom Klimawandel bedroht. Nur eine radikale Dematerialisierung der Produktions- und Konsummuster in den wohlhabenden Ökonomien wird die Basis für eine menschenrechtsfähige Weltgesellschaft schaffen.

"Austausch fair gestalten"
Bei dem dritten Leitbild geht es um den Austausch von Handelswaren zwischen Ländern und Unternehmen. Getauscht wird zwischen den Menschen seit Anbeginn der Menschheit. Doch ein fairer Austausch besteht darin, wenn das Nehmen und Geben gleichwertig ist. Er wahrt die Interesse aller Beteiligten und ist nicht nur auf die Vorteile eines Tauschpartners bedacht.
Dies ist oft bei dem Austausch von Ressourcen zwischen denjenigen der Fall, welche die Ressourcen bereitstellen, und solcher, welche die mit ihnen geschaffenen Produkte auf die Märkte bringen. Wenn man als Beispiel die Wertschöpfungskette eines T-Shirts heranzieht, so bleiben nur ein paar Prozent des Endpreises bei den Baumwollproduzenten und knapp 20 Prozent bei den verarbeitenden Textilunternehmen in den dortigen Ländern. Der Rest wird durch in den Konsumländern lebenden Dienstleister abgeschöpft.

Um diese Ungerechtigkeit nicht weiterhin zu unterstützen, sind in den letzten Jahren Handelsorganisationen entstanden, die neben Gerechtigkeit auch für Umweltschutz einstehen wollen. Dabei wenden sie, unabhängig von den (fair) gehandelten Produkten, dasselbe Prinzip an: Die meist südlichen Erzeuger erhalten ein besseres Einkommen durch einen höheren Endpreis und eine höhere Qualität der Produkte. Somit garantieren die Einkäufer einerseits den lokalen, südlichen Erzeugern einen direkten Zugang zum Markt des Nordens, einen fairen Preis und Vorauszahlung als Investitionshilfe und Langfristverträge. Andererseits sind die Erzeuger für die Qualität der Produktion zuständig, die arbeiterfreundlich, umweltverträglich und gemeinschaftsfördernd ist.

"Nachteile kompensieren"
Das vierte Leitbild zeigt, dass Gleichwertigkeit von Geben und Nehmen teilweise auch ungerecht sein kann, wenn z.B. die Ausgangsbedingungen der Handelspartner unterschiedlich sind. Denn gerecht ist nur, wenn man Gleiche gleich und Ungleiche aber ungleich behandelt. Die von Aristoteles genannte iustitia correctiva, die ausgleichende Gerechtigkeit, wird Benachteiligten zum Ausgleich Vorteile einräumen.

Langfristig wird der hohe Ressourcenverbrauch und die ungerechte Aneignung von Ressourcen zu einer Verschärfung des Ressourcenkonflikts führen. Diese Ressourcenkonflikte könnten dann in Ressourcenkriegen um die Verteilung der immer knapper werdenden Schätze des Planeten münden. Eine Politik der Ressourcengerechtigkeit leistet dabei nicht nur einen Beitrag zur Umwelt- und Gerechtigkeitspolitik, sondern auch zur Sicherheits- und Friedenspolitik.

Literatur

  • Baer, Paul/Athanasiou, Tom/ Kartha, Sivan (2007): The right to development in a climate constrained world. The Greenhouse Development Rights framework.
  • Bendell, Jem (2004): Barricades and Boardrooms. A Contemporary History of the Corporate Accountability Movement. Technology, Business and Society Programme. No. 13. Genf.
  • Bringezu, Stefan (2004): Erdlandung. Navigation zu den Ressourcen der Zukunft.Stuttgart.
  • BUND/Misereor (Hrsg.) (1996): Zukunftsfähiges Deutschland. Eine Studie des Wuppertal Instituts. Basel.
  • Klare, Michael T. (2002): Resource Wars: The New Landscape of Global Conflict. New York.
  • Hoekstra, Arjen Y. (2003): Virtual Water Trade between Nations: A Global Mechanism affecting Regional Water Systems. IGBP Global Change News Letter, No.54.
  • Martinez-Alier, Juan (2002): The Environmentalism of the Poor. A Study of Ecological Conflicts and Valuation. Cheltenham.
  • Shue, Henry (1980): Basic Rights. Subsistence, Affluence and U.S. Foreign Policy. Princeton.
  • Santarius, Tilman: Was ist Ressourcengerechtigkeit? In: Widerspruch, Nr. 54, 2008, S. 127-137.
  • Windfuhr, Michael (Hrsg.) (2005): Beyond the Nation State: Human Rights in Times of Globalization. Uppsala.
  • Wuppertal Institut (Hrsg.) (2005): Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit. München.

Interne Links

Externe Links

ecoequity.org
Ressourcengerechtigkeit
Gerechtigkeit- Duden
"Strategie Europa 2020" Europäische Kommission
Online Resource Efficiency Platform
"Ressourcen effizienter nutzen" bmu.de

Schlagworte

Effizienz, Gerechtigkeit, Ressourcen, Ressourceneffizienz, Ressourcenproduktivität

Letzte Aktualisierung

06.05.2015 10:20

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