Soziale Nachhaltigkeit

Einleitung

Der Begriff "soziale Nachhaltigkeit" wird oft im Zusammenhang mit den drei Nachhaltigkeitssäulen verwendet. In diesem Modell werden die drei Säulen - Wirtschaft und Finanzen, Ökologie und Soziales - als gleichrangig und gleichgewichtig, sowohl auf gesamtwirtschaftlicher und politischer Ebene, als auch auf globaler und unternehmerischer Ebene, angesehen. Danach umfasst Nachhaltigkeit nicht nur das Naturerbe, sondern auch wirtschaftliche Errungenschaften und soziale und gesellschaftliche Leistungen, beispielsweise die demokratischen Strukturen und eine gerechte Einkommensverteilung. Demzufolge soll in dem Modell menschliche Würde genauso wie das Arbeits- und Menschenrecht über unsere Generation hinaus gewährleistet werden.

Das Problem beim Begriff "soziale Nachhaltigkeit"

Doch die große Anzahl an Definitionen zum Nachhaltigkeitsbegriff führt in vielen Fällen zu einer beliebigen Verwendung des Begriffs, was die Diskussion um die richtige Begriffsverwendung erschwert.

Im Folgenden werden einige aktuelle Begriffsverwendungen aufgelistet:
Edda Müller, Mitglied des Nachhaltigkeitsrats versteht unter sozialer Nachhaltigkeit folgendes: „Die soziale Dimension wird bisher weitgehend defensiv verstanden. Im Vordergrund steht die Maxime ‚don’t damage‘, also das Bemühen, bei Industrieansiedlungen oder ländlicher Entwicklung bloß nichts kaputt zu machen oder jedenfalls nicht dabei aufzufallen.“ (Müller, 2002) Dies zeigt, dass die Dimension soziale Nachhaltigkeit oft vernachlässigt wird und somit als das Stiefkind der Nachhaltigkeitsdrillinge bezeichnet werden kann. Handlungsfelder der sozialen Nachhaltigkeit sind laut Müller: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Sozialpolitik in Bezug auf Umweltpolitik und Entwicklungspolitik (Frauen, Landwirtschaft).

In der Agenda 21, die im Jahr 1992 in Rio beschlossen wurde, ist das Ziel im Bezug auf Armut, dass „allen Menschen .. mit besonderer Vordringlichkeit die Möglichkeit zur nachhaltigen Sicherung ihrer Existenz“ gegeben wird. Dies impliziert ebenso bessere Bildung und Ausbildung, Familienplanung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau (vgl. Agenda 21, Soziale Ziele). Weitere soziale Ziele finden sich im Kapitel 6 der Agenda 21: Schutz und Förderung der menschlichen Gesundheit und im Kapitel 24 ein globaler Aktionsplan für Frauen zur Erzielung einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung sowie die Verbesserung des Zugangs zu Bildungsmöglichkeiten aller Art.

Nach Auffassung der Enquete-Kommission muss der Prozess der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung auch sozialverträglich gestaltet werden. Er muss sich am Erhalt der solidarischen Grundordnung orientieren, die den Leistungsfähigen belohnt und dem Bedürftigen das Überleben sichert. Im Spannungsfeld von ökologischen und ökonomischen Prozessen darf das soziale Leistungspotential als Hypothek für die zukünftige Gesellschaft nicht vernachlässigt werden (Enquete-Kommission zum Schutz des Menschen und der Umwelt, 1998)

Einen theoriegestützten Vorschlag für soziale Nachhaltigkeit hat das Institut für sozial-ökonomische Forschung hat vorgelegt (Empacher/Wehling, 2002, S. 38ff.). Empacher und Wehling gehen von sechs Leitorientierungen aus, auf deren Grundlage soziale Nachhaltigkeit begründet werden kann:
  1. Menschenwürdige Existenz (materielle und immaterielle Grundbedürfnisse)
  2. Existenzsicherung durch gerechte Arbeit (ganzheitlich aufgefasst)
  3. Sozialressourcen als Handlungschancen und –potenziale
  4. Chancengleichheit
  5. Partizipation
Die ersten beiden Punkte werden unter der Überschrift „Grundbedürfnisse“ zusammengefasst. Dann ergeben sich vier Schlüsselelemente sozialer Nachhaltigkeit:
  1. Grundbedürfnisse
  2. Sozialressourcen
  3. Chancengleichheit
  4. Partizipation
Somit zeigt die weite Fassung der „Grundbedürfnisse“, dass der Begriff nicht nur für entwicklungspolitische Anwendungen geeignet ist, sondern darunter auch Sozialressourcen wie Human-, Wissens- und Sozialkapital verstanden werden.

Fazit

Wie man lesen konnte, ist eine eindeutige Definition von "sozialer Nachhaltigkeit" noch nicht möglich. Demnach kann soziale Nachhaltigkeit nur mithilfe von verschiedenen Indikatoren, wie zuvor aufgelistet, beschrieben werden.
Betrachtet man nun erneut die Drei-Säulen-Konzeption, könnte man eventuell den Standpunkt vertreten, dass ökologische Nachhaltigkeit hauptsächlich die Natur betrifft, die soziale den Menschen und die ökonomische die Substanz des Menschen. Doch Nachhaltigkeit bezieht sich auf die Balance der drei Säulen. Infolgedessen müssen die Beziehungen zwischen den drei Säulen betrachtet werden und jede Säule ganzheitlich verstanden werden. Bei einer anthropozentrischen Sichtweise rückt die Lebensqualität des und der Menschen ins Zentrum, sodass alle drei Dimensionen als gestaltende Elemente vorkommen.
Die Soziologen Beate Littig und Erich Grießler sind der Meinung, dass nicht nur die Erfassung der Werte von Bedeutung ist, sondern dass “auch der normative Aspekt sozialer Nachhaltigkeit unabdingbar” zu beachten ist: Wichtig ist also, Werte darüber zu entwickeln, wie sich unsere Gesellschaft entwickeln soll, welche die Ideale sind, die die gesellschaftliche Entwicklung einlösen soll.Denn: "Die (Erwerbs-)Arbeit ist in modernen (Erwerbs-)Arbeitsgesellschaften der Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung wie auch der individuellen Lebensentwürfe und Existenzsicherung und darüber vermittelt der individuellen Bedürfnisbefriedigung." Obwohl in dem Bericht Menschen mit Behinderung nicht explizit erwähnt werden, (allenfalls als “Minderheiten” oder “Problemgruppen”), so folgert er: "Nicht zuletzt ist die soziale Integration und soziale Akzeptanz aller in einem Land lebenden Personen ein zentrales Element sozialer Gerechtigkeit."
Demzufolge kann soziale Nachhaltigkeit nicht nur von Personen, sondern auch von Unternehmen übernommen werden. Dafür wurde das Prinzip der Corporate Social Responsibility entwickelt, welches soziale Nachhaltigkeit im Unternehmen versichert.


Dokumente

Empacher, Claudia "Die sozialen Dimensionen der Nachhaltigkeit- Vorschläge zur Konkretisierung und zur Operationalisierung", (PDF)
Majer, Helge "Ganzheitliche Sicht von sozialer Nachhaltigkeit", (PDF)

Literatur

  • Aachener Stiftung, http://nachhaltigkeit.aachener-stiftung.de/1000/Veranlassung.htm.
  • Embacher, C. /P. Wehling (2002), Soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit. Theoretische Grundlagen und Indikatoren, Studientexte des Instituts für sozial-ökologische
  • Forschung, Nr. 11, Frankfurt a. Main 2002
  • Enquete-Kommission zum Schutz des Menschen und der Umwelt (1998), Abschlussbericht
  • Müller, Edda (2002), Der Stellenwert sozialer Themen in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, in: Vortrag beim Forum zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie des Bundesministeriums für Familie „Zivilgesellschaft und soziale Nachhaltigkeit“ am 12.2.2002, Manuskript (pdf)

Interne Links

Externe Links

wirtschaftslexikon-gabler.de
nachhaltigleben.ch
blog-entia.de

Schlagworte

Nachhaltigkeit, Soziale Nachhaltigkeit

Letzte Aktualisierung

30.09.2015 08:46

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