Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen

Einleitung

Die Auseinandersetzung mit nachhaltiger Entwicklung im Gesundheitswesen findet erst seit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahre 2012 statt. In Anlehnung an das klassische Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung (ökonomische, soziale, ökologische Nachhaltigkeit) umfasst Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen neben der ökonomischen und sozialen auch die gesundheitliche Dimension. Diese Aspekte müssen im Gleichklang miteinander stehen: Also erst wenn Ziele der Ressourcenschonung, das heißt der ökonomischen Beständigkeit, der sozialen Gerechtigkeit und der Gesundheitsförderlichkeit gleichwertig und -zeitig verfolgt werden, kann von einer nachhaltigen Entwicklung im Gesundheitswesen gesprochen werden.
Ein weiteres bedeutendes Kriterium sind die gleichen Zugangsmöglichkeiten zur Gesundheitsversorgung und -vorsorge für alle Versichertengruppen – unabhängig von der ethnischen Herkunft, dem Geschlecht, der sozialen Schicht oder dem Gesundheitszustand.

Verankerung in der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie 2012

In der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie wurde ebenfalls das Gesundheitswesen berücksichtigt. Die Verbindung von der Nachhaltigkeitsthematik und dem Gesundheitswesen übernimmt das Bundesministerium für Gesundheit, dort insbesondere die Abteilung für Grundsatzfragen. "Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen" soll daher nicht nur Fragen zur Ressourcenschonung beantworten, sondern auch Fragen zur sozialen Gerechtigkeit, der Teilhabe und Chancengleichheit. Dies hat zur Folge, dass gemäß der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO) im Rahmen der Gesetzesfolgenabschätzung dargestellt werden muss, "ob die Wirkungen des Vorhabens einer nachhaltigen Entwicklung entsprechen, insbesondere welche langfristigen Wirkungen das Vorhaben hat". Die Aufgabe der Gesundheitspolitik ist nämlich mit Reformmaßnahmen darauf hinzuwirken, dass eine hochwertige Versorgung der Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft sichergestellt werden kann. Insofern leistet Gesundheitspolitik einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung. Eine gute medizinische und pflegerische Versorgung trägt nicht wesentlich zur Lebensqualität der Menschen bei, sondern hat ebenfalls einen positiven Effekt auf die Wirtschaft. Außerdem fördert sie die Produktivität und hilft, dass wir länger und bei besserer Gesundheit leben und arbeiten können.

In der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie wird außerdem festgehalten, dass die Gesundheitspolitik zum Ziel haben muss, Gefahren und unvertretbare Risiken für die menschliche Gesundheit zu erkennen und möglichst zu vermeiden (Managementregel 4 der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie) sowie sozialer Ausgrenzung vorzubeugen (Managementregel 9 der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie). Gleichzeitig hat sie dabei das Prinzip der Generationengerechtigkeit zu beachten und dem, insbesondere in der Gesundheitsversorgung und in der Pflege spürbaren, demografischen Wandel Rechnung zu tragen.

Nachhaltige Entwicklung am Beispiel von Präventionsmaßnahmen

Am Beispiel der medizinischen Prävention lassen sich Vorteile und eventuelle Schwierigkeiten bei der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung im Gesundheitsbereich veranschaulichen. Präventive Maßnahmen sollen schon frühzeitig angesetzt werden und durch positive Erfahrungen im Kindesalter in gesundheitsfördernden Verhaltensweisen münden. Dadurch besteht die Chance, dass diese sich wiederum positiv auf die Gesundheit und ebenfalls die Gesundheitskosten im Erwachsenenalter auswirken.
Schlechte gesundheitliche Verhaltensmuster und damit ein schlechter Gesundheitszustand werden durch erschwerte Startchancen in Schule und Beruf sowie mit Armut verbundene Belastungen
verbunden. Daher ist es wichtig, besonders diese Menschen zu fördern, da ohnehin längst bekannt ist, dass Menschen in ohnehin prekären Lebenslagen Präventionsangebote deutlich weniger in Anspruch nehmen, als Menschen aus privilegierteren Schichten.

Um Nachhaltigkeit besser zu fördern und um diese Umstände zu ändern, bedarf es einer stärkeren institutionellen Verankerung als der bisherigen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Dies begründet sich dadurch, dass Institutionen wie die GKV durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mehr oder weniger gezwungen werden, sich verstärkt lukrativen Zielgruppen zu widmen. Dies geht dann zulasten ökonomisch eher unattraktiver Zielgruppen, die jedoch vornehmlich durch präventive Maßnahmen angesprochen werden sollten. Dafür sind nachhaltigkeitsförderliche Rahmenbedingungen vonnöten.
Präventionsinterventionen sollten daher benachteiligte Gruppen stärken und ihnen dabei helfen, schlechte Gewohnheiten zu reflektieren und Techniken zur gesundheitlichen Verhaltensumstellung zu erlernen. Im Idealfall würden diese auf den Alltag übertragen und dauerhaft, also nachhaltig, übernommen.

Problemfelder
Eventuelle Probleme bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung im Gesundheitswesen könnten bei den derzeitigen Wettbewerbsbedingungen auftauchen. Sie haben den Blick vor allem auf einem kurzfristigen ökonomischen Vorteil gerichtet und führen dazu, dass langfristig wichtige Beiträge der GKV (wie beispielsweise die Prävention) mitunter das Nachsehen haben. Das Dilemma des zunehmenden Preiswettbewerbs zwischen den Krankenkassen verstärken ausschließlich ökonomisch-orientierte Krankenkassen-Ranglisten, die beispielsweise Bonusprogramme auflisten und an denen sich die Versicherten bei ihrer Kassenwahl orientieren. Unter diesen Bedingungen besteht die Gefahr, dass Prävention nur als Mittel zum Zweck für das Marketing dient.

Ein weiteres Problem stellt die mangelnde Transparenz bei den Gesetzlichen Krankenkassenversicherungen dar. Denn gemäß § 305 Abs. 5 des Sozialgesetzbuches V sind die Kassen aber verpflichtet, „in hervorgehobener Weise und gebotener Ausführlichkeit“ Rechenschaft über die Mittelverwendung abzulegen. Gesetzliche Krankenkassenversicherungs-Rechenschaftsberichte müssen bisher aber nur die Kassenperspektive einnehmen. Daher werden Entscheidungen für oder gegen bestimmte GKV- Instrumente (wie Bonusprogramme) getroffen, die primär der jeweiligen GKV und nicht dem Gesundheitssystem als Ganzem nützen. Insofern kann Transparenz als wesentlicher Antrieb für nachhaltige Entwicklungen angesehen werden.

Nachhaltigkeit könnte also erzielt werden, indem bei Präventionsmaßnahmen die Veröffentlichung von Teilnahmequoten bestimmter Versichertengruppen (Freiwillige, Pflichtversicherte etc.)stattgegeben würde. Somit erhielte man nicht nur Aufschluss über die nachhaltige Wirkung der angewendeten Instrumente. Daraus würde zudem eine Leistungs- und Qualitätstransparenz entstehen, die nicht nur die Basis für einen fairen Qualitätswettbewerb schaffen würde, sondern insgesamt das Vertrauen in die Kassen steigern würde. Dies wirke sich wiederum positiv auf die Eigenverantwortung und Mitwirkungspflicht und somit auf den (präventiven) Gesundheitserfolg der Versicherten aus.

Wertewandel durch nachhaltiges Engagement
Die Berücksichtigung von nachhaltigem Engagement in allen Versichertengruppen, kann ebenfalls zu einem allgemeinen Wertewandel führen, indem dadurch ein Wettbewerbsvorteil für die jeweilige Klasse entsteht. Dies setzt eine verstärkte Transparenz, Qualitätsorientierung und Leistungsanerkennung im Hinblick auf nachhaltige Handlungen bei den Kassen sowie einen Bewusstseins- und Wertewandel bei den Versicherten voraus.

Auch jeder Versicherte durch seine Kassenwahl ebenfalls einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten, indem er dabei den Nachhaltigkeitsgedanken an erste Stelle positioniert. Wie beim Gesundheitsverhalten, werden auch bei der Kassenwahl keine reinen Informationen, sondern die persönliche, emotionale Betroffenheit sowie gesellschaftliche Trends für einen Bewusstseinswandel und eine veränderte Verhaltensweise den Ausschlag geben. Diese wiederum werden stark von der Berichterstattung der Medien und der Politik beeinflusst.

Nachhaltiges Ziel: Gesellschaft stärken
Dieser Wertewandel im Gesundheitssystem reflektiert zusätzlich den Wert der Gesellschaft, da sich eine gute Gesellschaft auch dadurch auszeichnet, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Sollte in nächster Zeit keine nachhaltige Entwicklung in den Krankenkassenversicherungen angestrebt werden, erweisen sich sonst hohe volkswirtschaftliche Folgekosten möglicherweise als ein Bumerang.

Dokumente

BMG Bericht "Nachhaltigkeit in Gesundheit und Pflege" 2013, (PDF)
Viviane Scherenberg: "Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen- Nur ein Modewort oder Anstoß zum Umdenken?", (PDF)

Interne Links

Externe Links

nrw-denkt-nachhaltig.de
nachhaltigkeitsrat.de

Schlagworte

Gesundheit, Reform

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:39

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