Buen Vivir

Das südamerikanische Konzept des „guten Lebens“ („buen vivir“) verfolgt ein Gleichgewicht mit der Natur, die Reduktion von sozialer Ungleichheit, eine solidarische Wirtschaft und eine pluralistische Demokratie mit neuen Räumen zivilgesellschaftlicher Partizipation und ist eine systemkritische Antwort auf das westliche Entwicklungsdenken der letzten Jahrzehnte. Ein neues Entwicklungskonzept, das sich vom westlichen Wohlstandsparadigma verabschieden will.

Zentral ist dabei eine Rückbesinnung auf die Lebensphilosophie der indigenen Völker Südamerikas, die der Natur einen intrinsischen Wert gibt und die übermäßige Ausbeutung und Instrumentalisierung der Natur als Ressource verurteilt.

Buen Vivir sei zudem nur im sozialen Zusammenhang denkbar und wendet sich damit gegen die Idee eines individuell guten Lebens in der westlichen Tradition, die beispielsweise auf Aristoteles oder Amartya Sen zurückgeht. Bei Buen Vivir steht nicht der Mensch im Mittelpunkt sondern alles, was existiert, bildet eine Einheit. Es wäre daher zu kurz gegriffen Buen Vivir mit der Erhöhung des individuellen Wohlbefindens und einem hohen Lebensstandard gleichzusetzen.

Politisch verfolgt wird das Konzept vor allem von progressiven Regierungen in Ecuador und Bolivien. Diese haben Privatisierungen gestoppt und teilweise rückgängig gemacht und akzentuieren eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

In beiden Ländern hat Buen Vivir Verfassungsrang. Ein Recht auf ein gutes Leben und die Natur als Träger von Rechten wurden als Leitprinzipien festgeschrieben. Dazu zählen unter anderem das Recht auf Nahrung, Gesundheit, Erziehung und Wasser.

Andererseits ist das Konzept auch umstritten weil an vielen Stellen sichtbar wird, wie schwierig die Umsetzung der Vision Buen Vivir in der Realpolitik ist und zuweilen auch demokratischen Grundsätzen westlicher Prägung widerspricht. Offen bleibt, ob ein neuer Rohstoffboom mit hohen zu erwartenden Einnahmen einsetzt und umstrittene Bergbau- und Infrastrukturprojekte und Erdölförderung in Naturschutzgebieten weitergehen.

Dokumente
"Wachstum im Wandel" Dossier

Interne Links
Externe Links
Symposium in Halle
BUNDjugend zu buen vivir
Heinrich Böll Stiftung zu buen vivir

Literaturhinweise
  • Fatheuer, T. (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur, Band 17 der Schriftenreihe *Ökologie. Heinrich-Böll-Stiftung: Berlin.
  • Acosta, A. (2009): Das „Buen Vivir“. Die Schaffung einer Utopie, in: Juridicum 2009/4.
  • Schmid, E. (2011): Die Frage nach dem guten Leben. Ein kritischer Vergleich des Fähigkeitenansatzes von Amartya Sen mit dem verfassungsrechtlichen Leitprinzip des Sumak Kawsay in Ecuador. Master-These: Donau- Universität Krems.

Schlagworte

Buen Vivir, Gutes Leben, Wohlbefinden

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:07

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