Ökologische Modernisierung

Obwohl oder vielleicht gerade weil Kritik und Zweifel am Wirtschaftswachstum immer lauter werden, wird Wachstum oft auch als beitrag zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme gesehen. Wachstum sei nicht an sich problematisch, sondern es müsse nur „grün“, so etwa die OECD, oder „nachhaltig, integrativ und intelligent“ sein, so etwa die politischen Strategie der EU „Europa 2020“.

Dahinter steht ein Konzept der sog. „Ökologischen Modernisierung“, ein Begriff, der von Autoren wie Martin Jänicke und Joseph Huber geprägt wurde. Proponenten dieses Ansatzes gehen von der Annahme aus, dass wirtschaftliche Entwicklung, gesellschaftliche und Umweltziele Hand in Hand gehen können und die Wirtschaft durch die Verfolgung von Umweltzielen profitiert. Durch technischen Fortschritt soll eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung erreicht werden. Ein effizienterer Einsatz von natürlichen Ressourcen und Energie gilt dabei als entscheidend, um gleichzeitig die Qualität der Umwelt zu verbessern und Wohlstand sowie den Fortschritt der Gesellschaft zu befördern.

Wissenschaftlich fundiert wird dieser durch die „Umwelt- und Ressourcenökonomie“. Markt-und Preismechanismen gelten als Grundvoraussetzung für ein gut funktionierendes, effizientes und wettbewerbsfähiges Wirtschaftssystem und somit auch für die erforderlichen Innovationen. “Ökologische Modernisierung“ setzt dabei auch auf innovativen Strukturwandel, in dem das „richtige“ wächst und gleichzeitig schädliche Aktivitäten und Branchen schrumpfen. Sowohl technischer Fortschritt als auch struktureller Wandel sind dazu geeignet, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln (Rebound-Effekt). Ausgehend von den frühen 1980ern hat das Konzept 30 Jahre später vor allem bei EntscheidungsträgerInnen in der Politik und öffentlichen Verwaltung im Zuge der Green Economy Debatte der letzten Jahre Aufwind bekommen. Wissenschaftlich fundiert wird dieser durch die „Umwelt- und Ressourcenökonomie“.

Die Hoffnungen in die ökologische Modernisierung wird von Vertretern der Ökologischen Ökonomik und den Verfechtern einer Postwachstumsgesellschaft.Das inhärente Streben nach Profit und Wettbewerbsvorteilen und die Fokussierung auf „freie Märkte“ und den Preismechanismus verhindere umfassende Lösungen für soziale und ökologische Probleme. Die Vorschläge seien zudem zu technokratisch und gingen zu wenig auf die Gesellschaft ein, und sie ignorieren bestehende Machtstrukturen – speziell in der Politik, auf Finanzmärkten und in multinationalen Unternehmen.

Außerdem würde die Größenordnung möglicher Entkopplung nicht ausreichen, um Wirtschaftswachstum mit der notwendigen Dematerialisierung der Wirtschaft („Faktor X“) zu verbinden. 3% Wachstum bedeutet etwa eine Vervierfachung des BIP in ca. 50 Jahren. Dies mit einer Reduzierung des Ressourcenverbrauchs auf ein Fünftel zu verbinden, würde eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität um den Faktor zwanzig (=4x5) oder knapp 7% pro Jahr erfordern und zwar im Durchschnitt aller Wirtschaftsbereiche.

In diesem Sinne könnten falsche Hoffnungen geschürt werden und Alternativen eher verdrängen als fördern. Zusätzlich ist die empirische Evidenz für absolute Entkopplung mehr als mager. Ganz im Gegenteil führen Effizienzverbesserungen durch technologische Lösungen häufig zu Rebound-Effekten, die Umweltprobleme zunehmend verschärfen.
Zu den wichtigsten deutschsprachigen Befürwortern und Gegnern einer „ökologischen Modernisierung“ gehören heute Ralf Fücks und Nico Paech (Verweis auf die beiden unter „Vertreter“)

Dokumente
"Wachstum im Wandel" Dossier

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Externe Links
Europa 2020
The Great Transition. A tale of how it turned out right.

Literaturangaben
  • Altvater, Elmar (2011): Mit einem grünen New Deal aus dem Wachstumsdilemma? In: Widerspruch 60
  • Brand, Ulrich (2012). Schöne Grüne Welt. Über die Mythen der Green Economy. Rosa-Luxemburg-Stiftung: Berlin.
  • Fücks, Ralf. Intelligent wachsen - Die grüne Revolution. München, Carl Hanser Verlag, 2013
  • Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom verlag, München 2012.

Schlagworte

Ökologie, Ökologische Modernisierung, Wachstum

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:04

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