WBGU: Welt im Wandel, 2003

Welt im Wandel: Energiewende zur Nachhaltigkeit

Unter dem Titel "Welt im Wandel: Energiewende zur Nachhaltigkeit" wurde im Jahr 2003 ein Hauptgutachten vorgelegt.

Globale Energiewende ist notwendig und machbar
Sie soll das Klima schützen und die Energiearmut überwinden helfen (Auszug aus der Pressemitteilung vom 10. April 2003)

"Das Gutachten zeigt, dass eine globale Energiewende hin zu einer Energieversorgung der Weltbevölkerung auf der Basis erneuerbarer Energiequellen dringend notwendig ist, um das Weltklima zu schützen und 2,4 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern von Energiearmut zu befreien. Diese Energiepolitik brächte auch eine Friedensdividende, da die Abhängigkeit von den regional konzentrierten Ölreserven vermindert würde. Die Wissenschaftler betonen, dass der Umbau der Energiesysteme mach- und finanzierbar ist, wenn in den kommenden beiden Jahrzehnten rasch und entschlossen gehandelt wird. Dazu wird ein Fahrplan mit konkreten Stationen vorgeschlagen.

  • Energie effizienter nutzen. Eine erste wesentliche Voraussetzung für eine Energiewende ist die effizientere Umwandlung und Nutzung von Energie. Ziel sollte es sein, weltweit bis 2050 mit der gleichen Energiemenge das Dreifache an Gütern und Dienstleistungen zu produzieren. Insbesondere sollten internationale Standards für fossil betriebene Kraftwerke angestrebt sowie die gekoppelte Produktion von Strom und Wärme in Kraftwerken gefördert werden. Vor allem für die Industrieländer bieten sich ökologische Finanzreformen sowie Kennzeichnungspflichten für Gebäude, energieintensive Geräte und Dienstleistungen an.
  • Erneuerbare Energien erheblich ausbauen. Ohne die massive Förderung erneuerbarer Energien wird die Energiewende nicht gelingen. Der Anteil aller erneuerbaren Energien an der globalen Energieerzeugung sollte daher bis 2020 von derzeit 12,7% auf 20% und schließlich bis 2050 auf mehr als 50% erhöht werden. Die nur begrenzt ausbaubaren erneuerbaren Quellen (z. B. Windkraft, moderne Bioenergie) sind schon heute preislich oft konkurrenzfähig. Dagegen sind die praktisch unbegrenzt ausbaubaren Techniken (z. B. Photovoltaik, solarthermische Kraftwerke) zur Zeit betriebswirtschaftlich noch vergleichsweise teuer. Weil die Erschließung nicht solarer erneuerbarer Energieformen mittelfristig an ihre Grenzen stößt, muss die Sonnenenergie bereits jetzt umfassend weiter ausgebaut und gefördert werden.
Die Energieversorgung der Zukunft setzt vorausschauende Investitionen in geeignete Infrastrukturen voraus. Beispielsweise sollten eine leistungsfähigere Netzregelung, das Lastmanagement, der Ausbau schnell regelbarer Kraftwerke, der globale Ausbau der Netze sowie langfristig der Auf-bau einer Infrastruktur für Wasserstoffspeicherung und -verteilung vorangetrieben werden.

  • Den Übergang gestalten. Der Einsatz von Kohle zur Energiegewinnung sollte noch in diesem Jahrhundert beendet und bis 2050 weltweit aus der Nutzung der Kernkraft ausgestiegen werden. Unter anderem stellen die illegale Verbreitung und die ungelöste Endlagerung nicht tolerierbare Risiken dar. Für eine Übergangszeit ist die verstärkte Nutzung von Gas sinnvoll und die Speicherung von Kohlenstoff in geologischen Formationen wahrscheinlich notwendig.
  • Nord-Süd-Zusammenarbeit stärker auf Nachhaltigkeit ausrichten.Die Überwindung der Energiearmut ist zentral für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern und ein wesentlicher Beitrag zur Erfüllung international vereinbarter Entwicklungsziele. Schwerwiegend ist die Gesund-heitsgefährdung durch Innenluftverschmutzung, die durch die Verbrennung von traditioneller Biomasse entsteht. Daran sterben jährlich etwa 1,6 Mio. Menschen – deutlich mehr als an Malaria. Auch die Verschmutzung der Außenluft, vor allem in den Städten vieler Entwicklungsländer, hat teilweise extreme Ausmaße angenommen.
Um diese Probleme zu lösen, sollte die internationale Zusammenarbeit stärker auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtet werden. Eine wichtige Maßnahme ist nach Ansicht des WBGU die Umsteuerung der Förderpraxis der Weltbank und der regionalen Entwicklungsbanken zugunsten erneuerbarer Energien.

  • Alle Möglichkeiten der Finanzierung nutzen.Die Energiewende ist finanzierbar – dafür müssen allerdings sämtliche Möglichkeiten genutzt werden. In Industrie- und Transformationsländern sind die Subventionen für fossile Energien und Kernkraft bis 2020 vollständig abzubauen. Dazu empfiehlt der WBGU die Aushandlung eines Multilateralen Energiesubventionsabkommens bis 2008. Gleichzeitig sind private Investitionen in nachhaltige Energien zu fördern. Zur Unterstützung der ärmsten Länder sollten die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit erheblich aufgestockt werden. Ergänzend wird in den OECD-Ländern die Einführung von Nutzungsentgelten für den internationalen Flugverkehr ab 2008 empfohlen.
  • Forschung und Entwicklung vorantreiben.Die technischen Herausforderungen sind nur mit erheblichen Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen zu meistern. Dazu sollten in den Industrieländern die staatlichen Ausgaben für Forschung über nachhaltige Energien bis 2020 durch Umschichtungen mindestens verzehnfacht werden. Unterstützend bedarf es der Schaffung eines "Weltkoordinationsprogramms für Energieforschung".
  • Bonner Weltenergiekonferenz nutzen.Eine Energiewende im globalen Maßstab kann nur mit leistungsfähigen Institutionen gelingen. Bestehende Einrichtungen globaler Energiepolitik sollte daher schrittweise gestärkt und erweitert werden. Als gemeinsame Handlungsgrundlage empfiehlt der WBGU die Vereinbarung einer Weltenergiecharta. Die von der Bundesregierung angeregte "Weltkonferenz für Erneuerbare Energien" im Jahr 2004 in Bonn bietet eine hervorragende Gelegenheit, diesen Prozess anzustoßen. Auf dieser Grundlage wäre bis etwa 2010 die Gründung einer "Globalen Agentur für die Energiewende" zu prüfen.
  • WBGU betritt Neuland.Der WBGU leistet mit seinem Gutachten innovative Beiträge: Erstmals werden die beiden Ziele "Klimaschutz" und "Überwindung der Energiearmut" gleichgewichtig behandelt. Dabei gilt es zum einen, die Klimaerwärmung in tolerablen Grenzen zu halten. Dazu müssen die Industrieländer ihre CO2-Emissionen bis 2050 um rund 80% mindern. Wegen der großen Unsicherheit über das Klimaverhalten handelt es sich dabei um Mindestvorgaben. Zum anderen sollte bis 2020 die gesamte Weltbevölkerung Zugang zu modernen Energien haben. Auf dieser Grundlage hat der WBGU einen beispielhaften Pfad für eine globale Energiewende abgeleitet und für deren Umsetzung einen Fahrplan entwickelt."
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Schlagworte

Entwicklungszusammenarbeit, Gutachten, WBGU

Letzte Aktualisierung

03.11.2015 11:11

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