Tutzinger Erklärung

Im April 2000 trafen sich auf der Tagung „Aktiv für die Zukunft – Wege zum nachhaltigen Konsum“ in Tutzing 15 verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Akteure.

Dabei wurde die "Tutzinger Erklärung" mit dem Titel "Förderung des nachhaltigen Konsums-Prozess zur nationalen Verständigung in Deutschland" erarbeitet, die als eines der grundlegenden Dokumente des nationalen Dialogprozesses zum nachhaltigen Konsum gilt. Das Dokument wird herausgegeben vom Institut für angewandte Verbraucherforschung und enthält sowohl Thesen als auch Positionsbeschreibungen, welche die spezifischen Sichtweisen der Akteure zum Nachhaltigkeitsansatz wiedergeben.

"Die Bedeutung des Themenfeldes „nachhaltiger Konsum“ wird in Deutschland bereits seit Mitte der 90er Jahre intensiv diskutiert. In diesem Prozess haben sich zwei besonders wichtige Di­mensionen der Diskussion herausgestellt: einerseits eine ori­entierungsgeleitete Vorgehensweise, die an Leitbildern, Lebensstilen und Bildungspro­zessen ansetzt und andererseits ein Vorgehen, das mittels geeigneter Maßnahmen konkrete Handlungschancen eröffnet." (aus dem Vorwort der Tutzinger Erklärung)

Zielsetzung
  • die Diskussion mit allen Akteuren fortzusetzen,
  • politisch bedeutsame nationale und internationale Dokumente aufzuarbeiten,
  • die nächsten Schritte zu dokumentieren und
  • die Konzeption einer nationalen Verständigung zu erarbeiten.
Es besteht Einigkeit darüber, dass zur Verwirklichung nachhaltigen Konsums als Teil nachhaltiger Lebensstile nicht nur das Verantwortungsbewusstsein der Verbraucherin­nen und Verbraucher gehört, sondern auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktu­ren, die es den Menschen ermöglichen, diesem Bewusstsein gemäß zu handeln. Eine unveränderte (lineare) Fortschreibung des konsumbedingten Ressourcenverbrauchs führt erkennbar an die Grenzen der Be­last­barkeit. Eine Globalisierung der vorherrschenden Konsummuster hätte den ökologischen Kollaps zur Folge.

Gliederung des Dokumentes
Das Dokument der Tutziner Erkärung ist in folgende Unterkategorien gegliedert:

These 1: Zielstellung
"Für eine zukunftsfähige Entwicklung ist die Förderung von Konsummustern, die sich am Leitbild der Nachhaltigkeit orientieren, ein wichtiger Baustein. Umweltbelastungen und Ressourcenverbrauch sollen ein Maß nicht übersteigen, das für die jetzige und für spä­tere Generationen als ökologisch tragfähig angesehen werden kann. Die Förderung nachhaltiger Konsummuster schließt u. a. den Ge- und Verbrauch von Produkten ein und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer nachhaltigen Produktentwicklung und nachhaltigen Lebensstilen."

These 2: Zielgruppen
"Zur Förderung des nachhaltigen Konsums übernehmen alle gesellschaftlichen Gruppen und beteiligten Akteure Verantwortung. Somit sind alle Akteure aufgefordert, entspre­chende Handlungsmöglichkeiten zu realisieren. Die Verständigung der Akteure dient dabei der Konkretisierung und Ausgestaltung des Leitbildes zum nachhaltigen Konsum."

These 3: Verbesserung der Handlungsbedingungen der Akteure
"Ziel der Förderung des nachhaltigen Konsums ist es, alle Akteure mittels besserer Handlungsmöglichkeiten und materieller und immaterieller Anreize für das Leitbild der Nachhaltigkeit zu gewinnen. Obwohl bereits heute zahlreiche Handlungsmöglichkeiten zur Nachhaltigkeit zur Verfügung stehen, werden diese keineswegs ausgeschöpft. Zur Förderung von nachhaltigen Konsummustern bedarf es daher auch der Informations?, Aufklärungs- und Motivationsarbeit, bei der neben der Verbraucher- und Umweltbera­tung sowie der staatlichen Umweltaufklärung insbesondere auch die Multiplikatoren der anbietenden Wirtschaft und weiterer gesellschaftlicher Gruppen sowie die Weiterbildung eine Rolle spielen."

These 4: Instrumente
"Staatliche Akteure initiieren die Förderung nachhaltigen Konsums im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie. Für die Ausgestaltung der Nachhaltigkeitsstrategie steht ein In­strumenten-Mix aus ordnungsrechtlichen, ökonomischen, eigenverantwortlichen und in­formatorischen Instrumenten zur Verfügung. Die Instrumente sind weiterzuentwickeln. Eine besondere Rolle kommt dabei auch der Bildung für Nachhaltigkeit zu, indem das Themenfeld nachhaltiger Konsum verstärkt aufgegriffen werden sollte. Die verschiedenen Instrumente können sich insbesondere dann als effektiv erweisen, wenn sie sich gegenseitig ergänzen und die Eigeninitiativen der Akteure zum nachhalti­gen Konsum fördern."

These 5: Pluralität der Lebensstile
"Einer freiheitlichen Gesellschaft liegt die Pluralität der Lebensstile zugrunde. Diese bie­ten unterschiedliche thematische und motivationale Anknüpfungspunkte für nachhaltige Konsummuster. Bei der schrittweisen Verwirklichung nachhaltiger Konsummuster kom­men individuell unterschiedliche Handlungsbereitschaften und Nutzerkalküle zum Tra­gen."

These 6: Förderung der Handlungsbereitschaften
"Die Förderung der Handlungsbereitschaften aller Akteure ist zentrale Voraussetzung nachhaltiger Konsummuster. Hierzu sind Kooperationen verschiedener Akteursgruppen anzustreben. Nachhaltige Handlungsangebote sollten so gestaltet und vermittelt werden, dass sie insbesondere das Interesse von Verbraucherinnen und Verbrauchern erreichen und de­ren Bereit­schaft zu nachhaltigem Handeln erwecken. Sie sollten helfen, Konsument­scheidungen in Hinblick auf Nachhaltigkeit eigenverantwortlich zu treffen. Die Werbung sowie Rundfunk und Fernsehen sollten in Kampagnen zur Förderung nachhaltiger Konsummuster stärker einbezogen werden."

These 7: Prozesscharakter
"Die Förderung des nachhaltigen Konsums setzt voraus, dass nachhaltige Konsummu­ster von allen Akteursgruppen erprobt und realisiert werden. Die Förderung des nach­haltigen Konsums sollte als dynamischer Prozess verstanden werden, in dem die Inter­essenlagen der unterschiedlichen Akteure gegenüber den Handlungsnotwendigkeiten kontinuierlich abzuwägen sind. Hierfür bedarf es fortlaufender Verständigung aller betei­ligten Kreise."

Positionspapiere der Akteure
Nach diesen Thesen folgen Positionspapiere der einzelnen Teilnehmer, da nachhaltiger Konsum als ein gesellschaftlicher Prozess verstanden werden soll, an dem sich unterschiedliche gesellschaftliche Interessengruppen und Akteure beteiligen.

Teilnehmende Interessengruppen und Akteure

Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) e.V.
B.A.U.M. e.V.
BUND e.V.
Bundesverband für Umweltberatung (bfub) e.V.
Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)
DGB
Deutscher Städtetag
Forum Umwelt & Entwicklung
HDE
Markenverband e.V.
NABU e.V.
Umweltbeauftragte der Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland
Verband der Landwirtschaftskammern (VLK) e.V.
VENRO e.V.
ZDH
Zentralverband Gartenbau (ZVG) e.V.


Dokumente
Tutzinger Erklärung (pdf)

Interne Links
Externe Links
Institut für angewandte Verbraucherforschung (archive.org, 12.2.2010)

Schlagworte

Dialogprozess, Initiative, Konsum, Tutzinger Erklärung

Letzte Aktualisierung

18.11.2015 09:52

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