Lahl: Ölwechsel. Biokraftstoffe und nachhaltige Mobilität, 2009

In seinem Anfang 2009 erschienenen Buch „Ölwechsel. Biokraftstoffe und nachhaltige Mobilität“ setzt sich Dr. Uwe Lahl mit der Frage der Nachhaltigkeit der Biomassenutzung insbesondere in Form von Biokraftstoffen (Biosprit) auseinander.

6.13 Gesamtfazit Biokraftstoffe im Meinungsstreit

In Kapitel 6 werden zwölf Risiken analysiert, die in den vergangenen Monaten in der öffentlichen Diskussion über Biokraftstoffe von Bedeutung waren. Die Diskussion Anfang 2008 war stark geprägt von tatsächlichen und auch vermeintlichen Risiken, die ein expandierender Biokraftstoffsektor haben kann. Wenig wurde in dieser Debatte über Chancen gesprochen. Zunächst ist richtig, dass in einem Szenario stark expandierender Biomassemärkte vieles sich verändern kann und auch wird. So ist es häufig eine Frage des Standpunktes, ob man angesichts von anstehenden Veränderungen nur oder überwiegend die Risiken sieht und die Chancen unterbewertet – und umgekehrt.

In einem Gesamtfazit werden nachfolgend die Risiken und die Chancen von Biokraftstoffen gegenübergestellt (...):

  • Man kann zu dem Ergebnis kommen, dass nicht genügend Flächen vorhanden sind, um alle Wünsche in Hinblick auf Nahrungsmittel- und Energieversorgung zu erfüllen. Es stimmt: Eine Intensivierung der Agrarproduktion ist mit vielen Risiken behaftet.
Aber es gibt auch die Möglichkeit, brachliegende Flächen wieder in die Nutzung zu nehmen und es gibt einmalige Chancen, die Flächen wieder aufzuforsten, die in den vergangenen rund hundert Jahren verlorengegangen sind. Und dies würde nicht nur die Biomasseversorgung sicherstellen können – es wäre auch noch spezifisch kostengünstiger als der Einstieg in CCS.

CCS = Carbon Capture and Storage = Abscheidung und Ablagerung von CO2 in abgeschlossenen Bereichen, z.B. unterirdisch

  • Biomassemärkte können Nahrungsmittelpreise beeinflussen.
Die Konfliktpotentiale für die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung in den Entwicklungsländern sind allerdings lösbar und entsprechende Vorschläge werden gegenwärtig konkretisiert. Welch historisch einmalige Chance wird der Entwicklungspolitik mit den höheren Weltmarktpreisen für Nahrungsmittel und der Umlenkung der Überschussproduktion des Westens in Biokraftstoffe und Bioenergie in den Schoß gelegt! Erstmals besteht eine realistische Chance, das Hungerproblem wirklich zu lösen, indem der armen Landbevölkerung am Weltmarkt faire Preise angeboten werden.

  • Eine gesteigerte Nachfrage nach Biokraftstoffen kann zu Lasten des Naturschutzes gehen. Die formulierten Risiken für die letzten verbliebenen Regenwälder sind ernst zu nehmen.
Aber die eigentliche Fehlentwicklung zu Lasten des Naturschutzes der vergangenen Jahrzehnte wurde nicht durch Biokraftstoffe verursacht, sondern durch ein Bündel anderer Entwicklungen, nicht zuletzt die gestiegene Nachfrage nach Futtermitteln bzw. Fleisch in den reichen Industrieländern. Die politischen Entscheidungen in Europa zur Nachhaltigkeitsanforderung an Biokraftstoffe zeigen aber auch die Chancen auf, die entstanden sind. Was über Jahrzehnte für die konventionelle Agrarproduktion nicht gelungen ist, scheint nun erstmals für einen Sektor greifbar: Nachhaltigkeitsanforderungen, die den Naturschutz einbeziehen. Erstmals könnte es gelingen, ein Zertifizierungssystem für die Agrarproduktion aufzubauen, in dem die Abholzung wertvoller Naturflächen unzulässig ist.

  • Eine gesteigerte Nachfrage nach Biokraftstoffen kann zur Ausbreitung menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen führen. Es kann auch zu einer Begünstigung von Großbauern kommen und kleinbäuerliche Strukturen könnten gefährdet sein. Hierzu gibt es ganz konkrete Erfahrungen in einzelnen Ländern.
Aber auch das genaue Gegenteil kann eintreten, auch hierzu gibt es ganz konkrete Beispiele in einzelnen Ländern (good governance). Viele Regierungen in Entwicklungsländern haben in der Vergangenheit Entwicklungschancen nur unzureichend verwirklicht. Dies kann aber beeinflusst werden.

  • Will man die beschriebenen Risiken vermindern, kann man dies beispielsweise dadurch erreichen, dass Biomasse nicht für den Biokraftstoffsektor eingesetzt wird. Man könnte dies mit der vermeintlich geringen Effizienz der Biokraftstoffe begründen.
Unabhängig von der Frage, wie effizient die vermeintlich effizienteren Sektoren tatsächlich sind, würde eine derartige Politik in eine Sackgasse führen. Gegenwärtig steht der Biokraftstoffsektor an der Spitze der Entwicklung von rechtlichen Regelungen, die Effizienzsteigerungen bewirken sollen. Denn es bestehen für alle Biomasse-Sektoren große Potentiale zur Effizienzsteigerung; diese Chancen sollten genutzt werden.

  • Stellt es ein Risiko dar, dass mit der Schaffung von Nachfrage nach Biokraftstoffen – beispielsweise durch hohe Quoten – industriepolitische Entwicklungen induziert werden, von denen man dann nicht mehr abrücken kann?
Natürlich werden durch Rechtsetzung auf diesem Feld Weichen gestellt. Aber die Volkswirtschaften, die heute nicht die Entwicklungschancen zur Etablierung neuer Techniken für Biokraftstoffe der 2. Generation ergreifen, werden ins Hintertreffen geraten. Es geht nicht so sehr darum, dass hier insgesamt Chancen verpasst werden. Die Entwicklungen in anderen Ländern laufen auf Hochtouren. Es ist nur eine offene Frage, in welchem Umfang Deutschland industriepolitisch profitiert oder ob die Chancen von anderen Ländern genutzt werden. Und eine entwickelte Biokraftstoffwirtschaft der 1. Generation legt die Wurzeln für die 2. Generation.

9. Bioenergie – Chancen zur Lösung von Problemen

Was bisher in der öffentlichen Diskussion eher unterbelichtet war, war die Darstellung der Chancen, die in einer verstärkten Produktion und Nutzung von Biomasse liegen.

Knapp die Hälfte des weltweiten Energiebedarfs im Jahr 2050, so die Internationale Energieagentur (IEA), müsste aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, will man für 2050 das 2-Grad-Ziel erreichen. Deutschland müsste 2050 seine Treibhausgasemissionen um 80 % gesenkt haben. Ohne eine deutliche Steigerung der Biomassenutzung wird dies nicht möglich sein. ...

Global wird es nicht möglich sein, den Energiebedarf im Mobilitätssektor zu senken. Daher haben hier Biokraftstoffe eine noch größere Bedeutung, um die erforderlichen Treibhausgaseinsparungen zu erbringen. ...

  • Aber führt dies nicht zu Nutzungskonkurrenzen und mehr Hunger auf der Welt?
Erstmals überhaupt besteht eine seriöse Hoffnung, dass in den Entwicklungsländern der Hunger überwunden wird, weil er aus eigener Kraft überwunden werden kann. Hungerhilfe in Europa findet dadurch statt, dass beim täglichen Einkauf ein etwas erhöhter Brotpreis akzeptiert wird. Und Hungerhilfe in den Entwicklungsländern? „Nur in Katastrophenfällen ist zeitlich begrenzte Nahrungsmittelhilfe sinnvoll – vorzugsweise lokal oder in der Region gekauft. In diesen Ländern muss die ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung im Vordergrund stehen. Armutsbekämpfung und das Recht auf Nahrung sind die wesentlichen Aspekte dieser Strategie. Das Recht auf Nahrung bedeutet in erster Linie, dass Menschen sich entweder durch die direkte Produktion oder mittels Einkommen ernähren können. Hierfür müssen die Staaten selbst und die internationale Staatengemeinschaft die notwendigen Rahmenbedingungen gewährleisten und im Bedarfsfall helfen. Unterbleibt dies, kann das Recht auf Nahrung nicht erfüllt werden – unabhängig davon, ob in Deutschland Weizen thermisch genutzt wird“ Zitat von der Welthungerhilfe (http://www.welthungerhilfe.de/weizen-energie-ethik.html (online nicht mehr abrufbar)) oder zu Biokraftstoffen umgewandelt wird.

  • Kommt der Naturschutz nicht unter die Räder?
Ein möglicherweise überraschendes Ergebnis: Die Flächen des Zuckerrohranbaus nehmen deutlich zu, aber die zum Teil dramatischen Verluste an Regenwälder sind in Brasilien wenig, wenn überhaupt mit Biokraftstoffen in Verbindung zu bringen. Dem entgegen ist es in den letzten Jahren in Malaysia und Indonesien durch den Ausbau der Palmölgewinnung zu dramatischen Verlusten an Regenwäldern gekommen. Palmöl geht allerdings nur in geringem Umfang in die Biokraftstoffproduktion.
Der heute eher vergleichsweise kleine Biokraftstoffsektors hat die Entwicklung und Festlegung von Nachhaltigkeitskriterien und der Einführung verbindlicher Zertifizierungssysteme bei der Biomassegewinnung insgesamt stark beschleunigt. Hierüber wurden in Europa politische Prozesse in Gang gesetzt, von denen insbesondere der Naturschutz profitieren kann. Gelingt es, weltweit verbindliche Nachhaltigkeitsstandards für den Biokraftstoffsektor zu etablieren, dann ist der Weg frei, diese Standards auch auf die die Nahrungs- und Futtermittelindustrie zu übertragen, die beide die eigentlichen Verursacher der Regenwaldabholzung sind.

Interne Links
Externe Links
Lahl. U.: Ölwechsel. Biokraftstoffe und nachhaltige Mobilität. Rhombos-Verlag Berlin, 2009
Welthungerhilfe
Klimabündnis: Indigene Völker in Amazonien
Survival: die Bewegung für indigene Völker
Yanomami-Hilfe: Website der Hilfsorganisation von Christina Haverkamp

Schlagworte

Biokraftstoff, Energie, Literatur, Mobilität, Öl, Regenwald

Letzte Aktualisierung

12.11.2015 10:20

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