Die Entdeckung der Nachhaltigkeit (Ulrich Grober)

Vom Entstehen einer großen Idee

Ulrich Grober, deutscher Journalist und Autor hat den Begriff der Nachhaltigkeit in seinem Werk "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs" Revue passieren lassen: „Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks (...) Sie ist unser ursprüngliches Weltkulturerbe“. Mit seinem Werk möchte er eine Sensibilisierung der Menschen für diese fundamentale Aufgabe der Zukunft erzielen, indem er zeigt, wie sich intuitives Vorsorgedenken zu einem Begriff kristallisierte, wie sich Träume und Hoffnungen aus den Epochen der Menschheitsgeschichte speicherten und zu einer Zukunftsvision werden ließen. Er zeigt, wie sich unter dem Begriff der Nachhaltigkeit ein ganzes Wortfeld mit mittlerweile alltäglichen Vokabeln wie Ökologie, Umwelt, Lebensqualität und Management herausbildete. Damit ist sein Buch aktuell und historisch zugleich und dient dazu aus der Distanz heraus Maß zu nehmen und Maßstäbe zu setzen, um die Gedankenwelt, den Begriff und das Wortfeld Nachhaltigkeit neu zu vermessen.

Der Versuch einer Definition

Der Begriff "Nachhaltigkeit" wird in vielen Kontexten verwendet, was es erschwert eine allgemeine Definition des Begriffs zu finden. Ulrich Grober teilt die übliche Verwendung des Begriffs auf zwei Ebenen auf: der Ebene der Gemeinsprache und der politischen Ebene.
Auf der Ebene der Gemeinsprache wird "Nachhaltigkeit" oft im Sinne von "nachdrücklich", "intensiv" und "dauerhaft" verwendet. Dabei bezieht sich Grober auf das Beispiel von Goethes Roman "Wilhelm Meister" aus dem Jahre 1796:" Er schien nunmehr zum ersten Male zu merken, dass er äußerer Hilfsmittel bedürfte, um nachhaltig zu wirken."
Auf der politischen Ebene wird der Begriff oft im Sinne der ökologischen Verantwortbarkeit verwendet.

Ulrich Grober und das "Zauberwort Nachhaltigkeit"

Zur Semantik des Wortes "Nachhaltigkeit"
Auch das Wort der Nachhaltigkeit betitelt Grober als "statisch, sperrig, irgendwie dröge", da dies oft, besonders von Politikern bemängelt wird. Doch gerade darin sieht Grober den Vorteil des Wortes, dessen sperrige Konnotation sein subversives Potenzial unterstreicht. Selbst die englische Bedeutung von Nachhaltigkeit- sustainability, die ebenfalls, laut Grober, oft als "unsexy"empfunden wird, stammt ursprünglich dem deutschen Wort ab.

Ursprünglich wurde das Wort nachhaltig im allgemeinsprachlichen Sinne verwendet, bis es vor fast 250 Jahren zum Leitbegriff des deutschen Forstwesens avancierte. Im fachsprachlichen Sinne bezeichnete es also die Verpflichtung der Forstwirtschaft, Reserven für künftige Generationen nachzuhalten. Die englische Übersetzung für nachhaltige Forstwirtschaft Mitte des 19. Jahrhunderts hieß also sustained yield foresty. In dieser Form gelangte es nicht nur in die internationale forstliche Fachsprache, sondern auch in das Vokabular der Vereinten Nationen. In diesem Zusammenhang galt es lange Zeit als Vorbild für die moderne Begriffsbildung sustainable development.

Vier Formeln zur Nachhaltigkeit
Dadurch, dass es bisher keine alles umfassende Definition von Nachhaltigkeit existiert, haben sich im Laufe der Zeit vier Formeln entwickelt, die den Begriff der Nachhaltigkeit näher umreißen sollen:

Die erste Formel findet man in dem Brundtland-Bericht der UN aus dem Jahre 1987: "Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen."

Die zweite Formel ist in dem Dreieck der Nachhaltigkeit begründet. Dabei bilden die Begriffe Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit die drei Eckpunkte des Dreiecks. Mehr dazu in diesem Artikel: Nachhaltigkeitsdreieck.

Die dritte Formel befindet sich in dem Satz "Nicht mehr Holz fällen als nachwächst"- eine 300 Jahre alte Weisheit der Forstleute.

In der vierten Formel erkennt man einen Bezug zur Schöpfungsgeschichte der Bibel mit dem Gebot "...die Erde zu bebauen und bewahren".

Wenn man nun alle Formeln betrachtet, kann man in jeder Formel eine wesentliche Aussage der Nachhaltigkeit erkennen. Insofern lassen sie sich, laut Grobers Vorschlag, als Navigationssystem nutzen, um in die Geschichte des Begriffs und damit in seine Tiefenschichten einzudringen. Wenn man sich nun auf diese Zeitreise begibt, kann man die vierte Formel in das Mittelalter, das heißt in die Zeit der Klöster und Kathedralen einordnen. In der dritten Formel findet Grober die Zeit der Aufklärung wieder, in der Zeit, als die Wälder geometrisch vermessen wurden. In die Epoche der heutigen Kulturgeschichte, in der man das Bedürfnis verspürt "zurück zur Natur" zu gehen und dabei den Zusammenhang zwischen Ökologie und Ökonomie intensiviert, passt die zweite Formel. Zu derselben Epoche zählen die Krisen, die Erdpolitik und die großen Transformationen, die in der ersten Formel beschrieben werden.

Ein europäischer Traum

In dem Kapitel "Ein europäischer Traum" versucht Grober herauszufinden, inwiefern es in Europa ein Pendant zum American Dream gibt und ob es zum Leitmotiv die Nachhaltigkeit hat. Dabei orientiert er sich an den Sätzen des letzten Kapitels des Buches "Europäischer Traum" von dem US-Soziologen Jeremy Rifkin aus dem Jahre 2004: "Wir leben in unruhigen Zeiten. Viel von der Welt liegt im Dunkeln, sodass zahlreiche Menschen keine klare Orientierung haben. Der Europäische Traum ist ein Silberstreif am Horizont einer geplagten Welt. Er lockt uns in eine neue Zeit der Inklusivität, Diversität, Lebensqualität, spielerischen Erfahrung, Nachhaltigkeit, der universellen Menschenrechte und der Rechte der Natur und des Friedens auf Erden. Wir Amerikaner haben immer gesagt, für den Amerikanischen Traum lohne es sich zu streben. Für den neuen Europäischen Traum lohnt es sich zu leben."

Zur Analyse untersucht er ebenfalls philosophische Modelle, worunter sich der französische Philosoph René Descartes (1596- 1650) und der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) befinden. Mit dem Satz "Je pense, donc je suis" ("Ich denke, also bin ich") , den Descartes 1637 in seinem "Discours de la méthode" vermerkte, äußerte er einen Befreiungsschlag. Damit agiert das autonome Subjekt unabhängig von der Autorität der Kirch oder eines absoluten Herrschers. Auf diese Weise befreit sich das Denken von der Bindung an einen Leib und an die gesamte Natur. Somit sind der körperlose "res cogitans" und die materielle Welt radikal voneinander getrennt. Die Natur und der menschliche Körper sind infolgedessen "res extensa"- ein Mechanismus. Ziel ist nun die Selbsterhaltung, was auch Auswirkung auf die Umwelt und Natur hat. Das befreite Denken möchte Herrschaft über die Natur gewinnen, sie in Besitz nehmen, ihr eine Ordnung geben und sie nutzbar machen. Mithilfe des rationalen Denkens kann der Mensch das als wahr anerkennen, was evident und beweisbar ist. Descartes vertritt die Vorstellung, dass der Mensch die Natur bzw. Materie beherrschen muss, für seine Zwecke neu einrichten möchte und neu konstruieren. Für den Menschen erscheint die Literatur als "bloßes Ressourcenlager, das nach rationalen Kriterien zu ordnen und auszubeuten sei." Dies bedeutet also eine radikale Entwertung der Natur. Das übergeordnete Ziel seiner Philosophie ist die Bewahrung der Gesundheit, also der Harmonie zwischen Leib, Seele und äußerer Natur, einschließlich der intakten Umwelt. Infolgedessen muss der Mensch auch Bewahrer der Natur sein, damit ihm eine längerfristige Gesundheit gewährleistet wird.

Baruch de Spinoza setzte sich in seiner Jugend ebenfalls mit der Lektüre von Descartes auseinander, was wohl ebenfalls dazu führte, dass er 1677 sein großes Werk "Ethica" veröffentlichte. Dieses Werk enthält bereits eine hoch entwickelte Theorie der Nachhaltigkeit. Seine Ausgangsthese lautet: Suum esse conservare, was soviel bedeutet, wie "sein eigenes Sein bewahren" und "Selbsterhaltung ist der Grundtrieb (conatus) des Menschen." Von seinem Vorbild hat Spinoza die Vorsätze " alles lediglich aus Grundsätzen abzuleiten, die durch sich selbst einleuchten" sowie den Ansatz der das Denken in geometrischer Weise (geometrico modo) zu vermessen. Einen radikalen neuen Ansatz setzt er bei der Vermessung der Natur an, denn dabei erklärt er Gott und Natur für identisch. Infolgedessen sagt er Deus sive natura: Gott ist also das lebendige Urwesen, das aus sich selbst heraus da ist und mit absoluter Notwendigkeit die Fülle seiner Potentiale frei gibt. Die Natur besteht demzufolge aus Attributen Gottes, wobei alle Einzeldinge als Modifikationen dieser Attribute zu verstehen sind. So sind nicht nur die einzelnen Dinge Errengungen dieser Substanz, die eins und alles ist, sondern auch der Mensch. Die Substanz ist für das menschliche Auge nicht erkennbar, aber ewig schaffend und pulsierend. Die Menschen sind nur Reflexe dieses Schaffens und reagieren nach Notwendigkeit unserer Natur. Dank dieser Gefühle hat der Mensch die Möglichkeit sich selbst zu erkennen. Auf diese Weise hebt Spinoza den cartesianischen Dualismus von Geist und Körper, Denken und Materie auf und sagt, dass die denkende und die ausgedehnte Substanz ein und dieselbe ist.

Wenn Spinoza sagt, dass Gott Natur ist, dann kann man die Gleichung auch umdrehen und sagen, dass die Natur Gott ist. Für die Menschen bedeutet es: Je mehr man die einzelnen Phänomene der Natur kennt, umso mehr erkennt man Gott. Für Spinoza hat die Natur zwei Seiten: Zum einen ist sie natura naturata, das heißt die "gewirkte", geschaffen, also die empirische Natur. Zum anderen ist sie die natura naturans, die in der natura naturata wirkende, lebendige, aktive und produktive Kraft. Die natura naturata ist dem menschlichen Willen verfügbar. Sie ist also manipulierbar und reproduzierbar. Die natura naturans und ihre vitalen Kräfte sind übermächtig und für den Menschen unverfügbar. Sie stellt die Fülle des Lebens und die Macht des Lebens selbst dar.

Während Descartes den Menschen als Meister und Besitzer der Natur sieht, ist Spinoza der Meinung, dass der Mensch ebenfalls ein Teil der Natur sei. Seit der Mensch aus dem Paradies vertrieben worden ist, ist der Mensch, laut Spinoza, für sich selbst verantwortlich. Insofern sieht Spinoza die Vertreibung aus dem Paradies nicht als Strafe, sondern als Schritt zur Menschwerdung. Der Mensch muss seit dem Wegfall der göttlichen Lenkung für seinen eigenen Unterhalt sorgen, was ihm nur im Einklang mit der Natur gelingen kann. Dieser "Rauswurf" hat auch eine gewisse Freiheit und Würde für den Menschen zur Folge. Diese Freiheit muss der Mensch jedoch vernünftig zu nutzen wissen und mit der "Ordnung der gesamten Naturwelt" in Übereinstimmung bringen können. Vernunft bedeutet bei ihm "ein größeres zukünftiges Gut einem geringeren gegenwärtigen...vorzuziehen. (...) Es liegt in der Natur der Vernunft, die Dinge unter einem Gesichtspunkt der Ewigkeit (sub aeternitatis specie) zu fassen."

Letztendlich oszilliert bis heutzutage das Nachhaltigkeitsdenken zwischen den den beiden Polen von Descartes und Spinoza, das sich bereits in der Frühaufklärung herausbildete. Neben Descartes und Spinoza, beleuchtet Grober ebenfalls Franz von Assisi, Nikolaus von Kues, von Linné, Goethe und Novalis sowie den Berghauptmann Carl von Carlowitz aus Freiberg, Alexander von Humboldt, den ersten Ökologen und Ernst Haeckel, den Begründer der Ökologie als Lehre vom Naturhaushalt. Durch diesen historischen Rückblick stellt diese bedeutenden Personen als Vordenker des gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdiskurses dar.

Fazit

Aus dem Werk von Grober kann man vier wichtige Erkenntnisse entnehmen: Zunächst erfährt man, dass die Nachhaltigkeitsdiskussion uralt, und fast alle Nachhaltigkeitsfragen, mit denen sich unsere Gesellschaft heute befasst, in abgewandelter Form schon in der Vergangenheit gängig waren. Die Begrifflichkeit "Nachhaltigkeit" hatte in der Geschichte bereits mehrere Bedeutungen gehabt, sodass es nicht verwunderlich scheint, dass der Begriff auch heutzutage semantisch unterschiedlich besetzt wird. So bezieht er sich nicht nur auf den Klimawandel und den Ökologischen Fussabdruck, sondern auf unterschiedliche Gebiete, die u.a. unter dem Begriff der Nachhaltigkeit in diesem Lexikon nachgelesen werden können. Die Wahrnehmung der Nachhaltigkeit geht jedoch nur in solchen Zivilisationen vonstatten, in denen die Menschen begreifen, dass ihr Lebensraum und die verfügbaren Ressourcen sich verknappen.

Weitere Buchempfehlungen zu diesem Thema:
  • Hannß Carl von Carlowitz: Sylvicultura Oeconomica. Hausswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Faksimile der Erstauflage Leipzig 1713. Mit einer Einführung von Jürgen Huss und Friederike von Gadow. 526 Seiten, Verlag Kessel Remagen. ISBN 978-3-941300-56-9.
  • Joachim Hamberger, Richard Mehler (Hrsg.): Sylvicultura Oeconomica oder hauswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. 638 Seiten, Hardcover, 19 x 29 cm, oekom Verlag München. ISBN 978-3-86581-411-1.
  • Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft (Hrsg.): Hans Carl von Carlowitz. Leben Werk und Wirken des Begründers der Nachhaltigkeit. Ca. 240 Seiten, Paperback, 16,5 x 23,5 cm, oekom Verlag München. ISBN 978-3-86581-415-9.
Dokumente
  • Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. 360 Seiten, Verlag Antje Kunstmann 2010, ISBN 978-3-88897-648-3.
Interne Links
Externe Links
Ulrich Grober
"Die Entdeckung der Nachhaltigkeit" detail.de
"Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit" goethe.de
"Nachhaltigkeit: Ein Wort geht um die Welt" zeit-online.de
Sylvicultura Oeconomica online SLUB Dresden
"Nachhaltigkeit- Anatomie eines inflationären Begriffs" Bayern 2

Schlagworte

Nachhaltige Entwicklung, Nachhaltigkeit

Letzte Aktualisierung

30.09.2015 08:35

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